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Di. Carl Thomas Richter.
„ Aber nicht nur die Maffenhaftigkeit des Verkehrs, fondern auch die Mannigfaltigkeit der Artikel desfelben hat, dank den allgemeinen Culturfortfchritten und der dadurch veranlafsten Vermehrung der Bedürfniffe, nie geahnte Dimenfionen angenommen.
„ Mit den Fortfchritten der Induftrie, mit der erreichten vielfeitigen Verwendbarkeit mancher Naturproducte und mit der Entdeckung neuer Stoffe werden immer neue Artikel in den Bereich des Welthandels gezogen und die eingetretenen Erleichterungen in den Communicationsmitteln tragen wefentlich dazu bei, um Ueberflufs und Mangel an allen Punkten der Erde auszugleichen.
,, Trat doch vor einigen Decennien noch in Folge von Mifsernten die Hungersnoth mit ihrem Schreckengefolge faft alljährig auf einem anderen Punkte der Erde auf, während heute Getreide fowohl an Werth wie an Maffe der wichtigfte unter allen Artikeln des Welthandels geworden ift und Hungersnoth gegenwärtig in die Claffe jener Heimfuchungen reiht, welche die Culturvölker mit einiger Vorausficht und nur mäfsigem Kraftaufwande ferne zu halten vermögen. " Wer hätte wohl vor wenigen Jahren noch die hohe Bedeutung des Petroleums, jenes damals völlig werthlos erfcheinenden Erdproductes, vorausgefehen? An nicht wenigen Orten der Erde, und an diefen in unmefsbaren Quantitäten gewonnen, liefert es heute die Ladung für ganze Handelsflotten und zählt zu den bedeutendften Verfrachtungsartikeln der Eifenbahnen.
Eine weitere Erfcheinung der Neuzeit ift die völlige A enderung der lange gewohnten Verkehrsrichtung für viele Artikel. Baumwolle, der zweitwichtigſte Artikel des Weltverkehres, wurde Jahrhunderte lang, bis zum Beginne des amerikanifchen Bürgerkrieges, ausfchliefslich aus den Vereinigten Staaten bezogen; um diefe Zeit fah man dem Verfiegen der bisherigen Quelle mit Bangen entgegen. Da traten Egypten. Oftindien, Brafilien u. f. w. in die Concurrenz. Die Krife wurde mit Hilfe diefer neu gewonnenen Quellen überftanden, aber ein Theil der fchwerbeladenen Baumwoll- Schiffe, welche früher ausfchliefslich zwifchen den Häfen der Vereinigten Staaten und Liverpool verkehrten, bevölkert nunmehr bleibend das indifche und das rothe Meer. Und dabei hat Amerika durch diefen Ausfall an feinem bisherigen Hauptausfuhrs- Producte, mit dem es die ganze Welt in feiner Abhängigkeit zu halten fchien, nur wenig verloren. Das Land hat feine disponiblen Kräfte anderen Productionszweigen zugewendet; wenige Jahre der Entbehrung haben genügt, die Ausfuhrsziffern Amerikas wieder auf die frühere Höhe zu bringen und heute fteht es in Bezug auf feine Theilnahme am Welthandel noch glänzender da als vor Beginn des Bürgerkrieges.
In Erkenntnifs der aufserordentlichen Bedeutung des Welthandels und von dem Wunfche geleitet, den Antheil zu veranfchaulichen, welchen einige der wichtig. ften Hafenplätze Englands, insbefondere Liverpool und Hull an dem internationalen Güteraustauſche haben, machten bereits auf der erften Weltausftellung in London im Jahre 1851 die bezüglichen Localcomités den ebenfo intereffanten, als lehrreichen Verfuch, die Gröfse des durch jene Hafenplätze vermittelten Verkehres und die Artikel, über welche fich derfelbe erftreckt, dadurch darzuftellen, dafs die Gegenftände des Ein- und Ausfuhrhandels in Muftern vorgeführt und mittelft Angabe der Ein- und Ausfuhrmengen, der Provenienz und des Abfatzgebietes, des Preifes u. f. w. illuftrirt wurden. Obgleich den beiden Comités für die Durchführung diefer Idee nur wenig Zeit und höchft befcheidene Mittel zu Gebote ftanden, fo war doch der Verfuch vom beften Erfolge begleitet und es erwiefen fich diefe additionellen Ausstellungen für den Laien wie für den Fachmann gleich lehrreich und nutzbringend. Während dadurch dem erfteren ein Bild des Umfanges des Aufsenhandels der erwähnten Häfen fich entrollte und Ergebniffe zugänglich gemacht wurden, welche früher das faft ausfchliefsliche Eigenthum von Kaufleuten und Statiſtikern waren, wurde dem Fachmanne Gelegenheit geboten, feine Kenntniffe hinfichtlich der Bezugsquellen und Abfatzgebiete zu erweitern, und fogar ihm unbekannte Artikel in den Kreis feiner Combinationen zu ziehen.