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Russland : Bericht / von Wilhelm von Lindheim
Entstehung
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25
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Rufsland.

25 auch allerlei Ueberflüffiges wie das Durchziehen der hinteren Züge durch die vorderen dabei vorhanden ift. So viel ich bemerken konnte, wurde auf das Gewehr- Exerciren wenig Nachdruck gelegt; folche Präcifion, wie fie bei den Gewehrgriffen früher in der ruffifchen Infanterie zu Haufe war und vernünftiger Weife bei der preufsifchen noch jetzt zu finden ift, war nicht mehr zu bemerken. Einen fehr fühlbaren Ausdruck fand diefer Umftand beim Feuern. Im Tirailliren fcheint die ruffifche Infanteie wenig Fort­fchritte gemacht zu haben; im offenen, flachen Terrain benutzt man noch, wie in alter Zeit, langfam fich in den verfchiedenen Richtungen bewegende Schützen­linien, aus denen dann und wann Leute hervortreten, um zu feuern, was noch dazu ftehenden Fufses gefchieht. Sind Deckungen vorhanden, wie einzelnftehende Bäume, Erdlöcher, Wälle und dergl., fo klumpen fich die Leute dermafsen dahin­ter oder darin zufammen, dafs keiner recht zum Schuffe kommen kann. Unter guten Führern wird die ruffifche Infanterie daher fchon jetzt gewifs fehr viel leiften, wenn fie auch wahrfcheinlich im Kampfe grofse Verlufte erleiden wird; was ihr noch fehlt, ift Beweglichkeit und ein den Wirkungen der neuen Feuerwaffen entſprechendes Auftreten im zerftreuten Gefechte.

Die ruffifche Cavallerie ift wohl die Waffengattung der Armee, die auf der verhältnifsmäfsig höchften Stufe fteht.

Die Bewaffnung der ruffifchen Cavallerie ift eine von der aller anderen Cavallerien völlig verfchiedene, und es wird darin auch zunächft wohl keine Aen­derung eintreten. Bei fämmtlichen Regimentern, mit Ausnahme der Dragoner, führt das erfte Glied die Lanze, das zweite Glied aber jetzt( erft feit diefem Jahre) einen Hinterladungs- Karabiner; aufserdem find beide Glieder natürlich mit dem Säbel bewaffnet. Bei den Hufzaren und Uhlanen ift das erfte Glied auch erft feit ganz kurzer Zeit mit einem ziemlich complicirten Revolver bewaffnet worden. Bei den Cüraffieren hat das zweite Glied Revolver, aber keine Carabiner, während das erfte auch den Revolver nicht hat. Ein ftichhaltiger Grund für diefe Abwei­chungen in der Bewaffnung der verfchiedenen Regimenter dürfte kaum aufzufinden fein. Die Dragoner find durchweg mit Hinterladungs- Gewehren verfehen; man bedient fich ihrer vorzugsweife, wenn Oertlichkeiten durch Cavallerie zu befetzen find. Es wird bei den Dragonern auf die Ausbildung der Leute im Schiefsen und im Kampfe zu Fufs ein grofses Gewicht gelegt; allein es treten hier die oben bei Befprechung der Infanterie angeführten Schwächen noch fchärfer hervor, denn das Tirailliren kann doch immer nur als Nebenfache betrieben werden. Unferer Meinung nach ift diefs freilich kein Unglück, denn Reiter follen eben keine berittene Infanterie fein. Was von einer Cavallerie im Fufsdienft verlangt werden kann, alfo zunächft die Befetzung und Vertheidigung einer Oertlichkeit, mufs von jeder guten Cavallerie ausgeführt werden können; allein mit langen Feuergefechten hat fie fich gewifs nicht abzugeben. In Rufsland fcheint man darüber noch nicht zu völliger Klarheit gelangt zu fein.

Die ruffifche Artillerie hat meiner Meinung nach fehr bedeutende Fort­fchritte in der letzten Zeit gemacht, was ihre taktifche Ausbildung anbelangt. Die Pofitionen werden mit Einficht gewählt und genügend ausgenützt; der unnöthige Wechfel der Stellung wird dadurch vermieden, und es werden die Leute fchon bei den Friedensübungen daran gewöhnt, dem Richten der Gefchütze und dem Zielen die nöthige Aufmerkfamkeit zu fchenken. Diefs hat auch auf die prakti­fchen Schiefsübungen einen fehr fördernden Einflufs gehabt, und es werden beim Zielfchiefsen jetzt bedeutend beffere Refuitate erreicht als früher. Grofsen Werth legt man in Rufsland auf das Schiefsen im Terrain auf unbekannte Entfernungen, wobei die feindlichen Abtheilungen durch verfchiedenartig aufgeftellte Scheiben markirt find, und es ift auch nicht zu leugnen, dafs derartige Uebungen ebenfo lehrreich wie intereffant und anregend find.

Rückfichtlich der Wahl des Materials für die Gefchütze hat man in der letz­teren Zeit vielfach hin- und hergefchwankt. Als die Artillerie nach der Beendigung