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Russland : Bericht / von Wilhelm von Lindheim
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Wilhelm von Lindheim.

welche die unlängft zufammenberufene Enquête über die landwirthschaftlichen Verhältniffe Rufslands in ihrem intereffanten Elaborate zu Tage gefördert hat

Die Leibeigenfchaft.

Die Aufhebung der Leibeigenfchaft ift in Rufsland ganz befonderen Schwierigkeiten begegnet. In allen anderen Ländern Europas hat diefelbe fucceffive ftattgefunden und erft in der Zeit, nachdem alle anderen Reformen auf einer gewiffen Stufe angelangt waren. In Rufsland dagegen ift diefelbe mit einer feltenen Energie, und man kann wohl fagen, einem feltenen Muthe, ins Leben gerufen worden. Es legt diefs ein Zeugnifs ab von der hochherzigen Initiative und den freiwilligen Opfern, deren Krone und Land fich mit gleichem Rechte rühmen können. Allerdings war eine folche rafche Entſcheidung gerade in Rufsland durchaus nothwendig, weil man bei der grofsen Ausdehnung des Reiches zur Mobilifirung der dem Lande innewohnenden Lebenskräfte eben ganz aufserordent­liche Mittel in Anwendung bringen mufste. In allen anderen Ländern des Occidents hat die Aufhebung der Leibeigenfchaft auch erft dann ftattgefunden, wenn das Grundeigenthum fich im Befitze des nöthigen Betriebs capitales gefunden hat, und gleichzeitig erft dann, wenn die flüffigen Capitalien des Landes nicht durch andere induftrielle Unternehmungen abforbirt wurden. In Rufsland zeigte fich diefe grofse Schwierigkeit auch infoferne, als man für die landwirthfchaftlichen Güter nur mit grofser Schwierigkeit Capitalien auftreiben konnte, weil bei dem Mangel an flüffigem Capital in Rufsland felbft Alles, was nur irgend mobil war, den weit höhere Erträge abwerfenden Induſtrie- und Staatsanlagen zuftrömte. Es ift daher durchaus nicht zu verwundern, dafs vom Jahre 1861 ab Klagen über die abneh mende Production der Landwirthfchaft fortwährend aufgetaucht find. In der erften Zeit konnte man fich Rechnung darüber geben, welche Klagen wirklich berechtigt waren, denn es läfst fich natürlicherweife nicht leugnen, dafs eine folche radicale Umwälzung auch momentan manche Uebel mit fich bringt. Dagegen läfst fich jetzt, nachdem zwölf Jahre feit jener grofsartigen Reform verfloffen find, doch die Situation als fchon geklärt betrachten, wenn auch einzelne Uebelſtände fich erft nach Jahrzehnten werden vollſtändig tilgen laffen. Man kann daher fchon jetzt mit Zuhilfenahme der Statiſtik und bei klarer unparteiifcher Beurtheilung der ganzen Sachlage genau beurtheilen, in welcher Weife fich die landwirthschaftlichen Verhält­niffe in Rufsland entwickelt haben, und wie deren Zukunft fein wird. Unter diefen Umftänden konnte man nur mit Freuden den Umftand begrüfsen, dafs von Seite der ruffifchen Regierung eine Enquête zur Prüfung der landwirthfchaftlichen Verhält­niffe einberufen wurde, deren Refultate vor Kurzem zur Veröffentlichung gelangten. Wenn wir diefe Refultate mit vorurtheilsfreiem Auge betrachten, fo müffen wir namentlich berücksichtigen, dafs Rufsland nach fo kurzer Zeit freier Entwick­lung fich die rationelle Betreibung der Landwirthschaft noch nicht ganz angeeignet haben kann. Wir lernen nur die dem Lande innewohnenden Kräfte kennen, um daraus einen Schlufs zu ziehen, was das Land zu leiften im Stande ift, wenn es, wie in den Nachbarländern, die Hilfe der Wiffenfchaft mit der natürlichen Kraft vereinigt. Die grofsen Anftrengungen, welche für die Entwicklung von der Regie­rung und dem Volke gemacht werden, laffen ein gutes Refultat erwarten.

Ueber die landwirthschaftliche Enquête felbft, deren Ergebniffe wir als einen durchaus unparteiifchen und ruhigen Ausdruck der Volksmeinung betrachten müffen, wollen wir noch bemerken, dafs diefelbe von dem Grafen Peter Vallu jew, Minifter derDomänen, präfidirt wurde und aus zehn Mitgliedern von verfchiedenen Minifterien zufammengefetzt war. Die Unterfuchung wurde imMai des vergangenen Jahres geführt. Alle Gouverneure, die Präfidenten der landwirthfchaftlichen Gefellſchaften und eine grofse Anzahl vertrauenswürdiger Perfonen haben an diefem Gutachten gearbeitet, das wir gerne benützen, weil es uns, trotz unferes längeren Aufent­haltes in verfchiedenen Gegenden Rufslands, nicht gelungen ift, etwas Vollſtändi­geres und Wahrheitsgetreueres über diefen Gegenſtand zu fammeln.