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Dr. J. E. Polak.
Die Juftiz wird nach Gefetzen des Korans von den Prieftern geübt, doch beſteht auch eine Art weltliches Gericht, von dem geiftlichen nicht ftreng abgegrenzt, Urf genannt, welches im Namen des Königs ausgeübt wird, nach welchem auch Proceffe zwifchen Europäern und Inländern durch Hilfe der Confulate und Gefandtfchaften gefchlichtet werden. Für den öffentlichen Unterricht forgen nur die Akademie, gegründet im Jahre 1851, die auch, durch mehrere Jahre durch öfterreichifche Lehrer geleitet, viel zur Verbreitung von militärifchen, mathematifch- phyfikalifchen und medicinifchen Kenntniffen beigetragen, und die zur Bildung von Prieſtern durch Fundationen unterhaltenen Madraffes. Lobe des Volkes mufs doch erwähnt werden, dafs im Allgemeinen die Eltern für Zum Erziehung ihrer Kinder Sorge tragen und nach Kräften ihnen Unterricht durch Lehrer angedeihen laffen, fo dafs die Bildung extenfiver ift, als man gewöhnlich annimmt, wozu auch das Lefen der guten Dichter viel beiträgt.
Die Staatsreligion ift die mohamedanifch- fchiitifche, doch gibt es auch viele Suniten unter den kurdifchen, türkifchen und arabifchen Stämmen. Es finden fich auch viele geheime und offene Secten, die, folange fie nicht den Grundprincipien des Staates zuwider handeln, geduldet werden. Ja nach den oft publicirten Staats- Grundgefetzen find alle Unterthanen vor dem Gefetze gleich, doch ift diefes nur in der Theorie, nicht aber in der Praxis giltig. Die wichtigften Wallfahrtsorte und Afyle des Landes find Mefchhed, Kum und Schohabdulazim, aufserhalb des Landes Kerbelah bei Bagdad, Mekka und Medina. Während die Pilgerfahrten zu den erften fehr zahlreich find, find die nach Mekka und Medina relativ fehr gering.*
Verkehrsmittel.
Es ift eine bekannte Erfahrung, dafs zur Erfpriefslichkeit des Handels mit einem Lande nicht allein die Billigkeit und Verwendbarkeit der dortigen Artikel und der lohnende Abfatz der importirten Waaren entfcheiden, fondern es müffen noch andere Factoren hinzutreten, die einen lebhaften Handel ermöglichen.
Zu diefen zählen wir vor Allem die Communicationsmittel, durch welche Perfonen und Waaren von einem Hafenplatz bis an die Grenze, und von dort aus ins Innere des Landes gelangen können; die Zeit und Koften, welche eine Reife oder ein Transport in Anfpruch nehmen; die Gefahren, Zufälle und Schäden, welchen Perfonen und Waaren ausgefetzt find; den Schutz, den Kaufleute in ftrittigen Fällen oder bei mafslofer Gebarung finden können; die Münzen oder Anweifungen, welche man zum Ankauf braucht, oder beim Verkauf ausführt; die Zeit, welche Nachrichten und Briefe dahin und von dort brauchen. Wir hätten auch zu erörtern, wie fich in naher Zukunft durch Anlage von Bahnen im Lande felbft, bis an die Grenze desfelben oder bis zum Cafpifee, die Transporte und Reifen ändern werden.
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Reifen im Innern des Landes. Es gibt mit Ausnahme einer kurzen Strafse im Tieflande des Gelan'fchen Gebietes von Murdab bis Mandfchil keine gebahnten Wege im Lande, abfolut keine Laftwagen, fo dafs Perfonen und Waaren auf dem Rücken von Pferden, Maulthieren und Kameelen transportirt werden. Ausnahmsweife bedienen fich Frauen und fchwächliche Perfonen des Palankins( einer von Maulthieren getragenen Bahre, welche auch in Krankheitsfällen benützt werden kann) oder der paarigen Körbe für den Transport zweier
* Ueber den Einflufs der Wallfahrten fiehe Mittheilungen der Wiener geographifchen Gefellſchaft 1867. Itinerarien mufelmanifcher Pilger mit Bezugnahme auf Verbreitung von Cholera von Dr. J. E. Polak.