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Persien : Bericht / on J. E. Polak
Entstehung
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Perfien.

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So gravitiren alle Verhältniffe dahin, Rufsland nicht allein zum Handelsherrn von Turkeftan, fondern auch von Perfien zu machen, und zwar durch die legitimften ihm zu Gebote ftehenden Mittel. Dafs jedoch einem folchen Handelsmonopol mit der Zeit eine unbeftreitbare Machtftellung folgen müffe, iſt jedem Vernünftigen klar. Man braucht nur an die logifchen Folgen des Zoll­vereines in Deutfchland zu denken. Wenn daher das übrige Europa bedacht ift, von dem Handel mit Mittelafien nicht gänzlich ausgefchloffen zu werden, oder fich durch die einzige Route monopolifiren zu laffen, fo bleibt ihm nur der einzige mögliche Ausweg über, eine Parallelbahn zu errichten. Es baue rafch von einem Hafen am Mittelmeer bis Mossul die fogenannte Euphratbahn; von Mossul, dem Knotenpunkt, gehe a) füdlich eine Linie nach Muhamereh, die eventuell fpäter gegen Arabistan, längs des Karun verlängert werden könnte; b) die Hauptlinie Alexandrette Mossul, jedoch überfchreite bei Türkifch­Sulamanieh die Elwendkette, um längs des Sefid- rud an die Station unterhalb des Kaflan Kuh zu gelangen, wo die Verbindung der Linie Enzeli- Refcht ftattfinden dürfte. Dadurch würde vorerft das Mittelmeer mit dem Caspifee durch einen Schienenftrang verbunden; c) vom letzteren Knotenpunkt, wäre eine Bahn nord­weftlich gegen Tabris zum künftigen Anfchlufs an Tiflis zu bauen; die Haupt­linie ziehe jedoch öftlich über Caswin, um Teheran zu erreichen. Von Teheran aus verlängere man den Strang bis Mefchhed, eventuell fpäter bis Herat, Kandahar, Kabul und Pifchawer.

Mefchhed, eine grofse bevölkerte Stadt, Pilgerort und Knotenpunkt des Karawanenhandels nach Turkestan, Afghanistan und Caspifee, von wo aus die Strafsen nach Merv- Serachs, Gurian und Herat führen, müfste zum Emporium des centralafiatifchen Handels erhoben werden.

Es ist wohl nicht zu leugnen, dafs der Bau einer Linie etwa von Alexan­drette bis Mefchhed nahe an 300 deutfche Meilen, deren eine Hälfte auf tür­kifches und die andere auf perfifches Gebiet fällt, bedeutende Summen ver­fchlingen und dafs die Rentabilität fich erft in einigen Jahren herausftellen dürfte; doch mufs andererfeits auch bedacht werden: 1. dafs bei einer Vitalfrage im Handel und dadurch bedingter Machtftellung mit Geld zu kargen unklug ift; 2. dafs die Hinderniffe nicht auffallend grofs und dafs die vorzüglichen Arbeits­kräfte um billigen Preis zu erlangen find; 3. dafs endlich bei dem Reichthum an Naturproducten und der an der Linie zu findenden Kohlenlager fich auch in kurzer Zeit eine Rentabilität herausftellen wird. Nur auf diefe Weife könnte, wie vor vielen Jahrhunderten, der Handel mit Afien wieder zum Mittelmeer zurückkehren und allen Völkern Europas in gleicher Weife eröffnet, die Türkei für den Rück­gang Trapezunts entfchädiget werden und Perfien zur Entfaltung der durch Natur und geographifche Lage ihm verliehenen Hilfsmittel gelangen.

Sanitäre Verhältniffe und Acclimatifation.

In einem Lande, wo in Krankheiten von Seite gebildeter Aerzte nur felten Hilfe zu erwarten ift( es befinden fich derzeit in Perfien nur fieben graduirte europäiſche und zwei inländifche Doctoren) verlangt es die Pflicht der Selbſt­erhaltung, dafs fich der Fremde mit den fanitären Verhältniffen im Vorhinein bekannt mache, theils zum Zwecke der Acclimatifation, theils wegen der möglichen Zufälle während eines kurzen Aufenthaltes. Weder von Seite des Staates, noch der einzelnen Communen befteht irgend eine fanitätspolizeiliche Aufficht. Das Trink- und Gebrauchswaffer, meift vorzüglich bis zum Eintritt in die Städte, wird in den Städten felber in offenen unausgemauerten Rinnen in den Strafsen geführt, wo es natürlich den verunreinigten Boden auslaugt und Krank­

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