Dokument 
Ins innerste Afrika : Bericht über den Verlauf der deutschen wissenschaftlichen Zentral-Afrika-Expedition 1907 - 1908 / von Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg
Entstehung
Seite
415
Einzelbild herunterladen

415

Weg selber suchen lassen oder sie nebenbei durch Lumps oder Wasser führen. Wenn sich das häufig wiederholte, war das Reiten kein Ver­gnügen mehr.

In eintönigen Märschen ging es von Etappe zu Etappe, und je weniger Bemerkenswertes sich ereignete, um so stärker wirkte der Eindruck des Ur­waldes auf uns. Ich glaube wohl, daß bei empfindsamen Menschen langer Aufenthalt in diesem Walde zu schweren Gemütsdepressionen führen kann. Das auf die Dauer unsäglich Bedrückende liegt in dem Mangel jeder freien Umschau, in der Unmöglichkeit, auch nur auf kurze Zeit einmal das Auge frei über weite Flächen schweifen zu lassen, einmal fern im Horizont Himmel und Erde verschwimmen zu sehen. Man sieht nur eine kurze Strecke des Weges vor sich, an den Leiten hindert das Dickicht den Blick, in die grünen Tiefen einzudringen, man schaut nach oben, und auch dort wölbt sich das Blätter­dach und verwehrt dem des ewigen Grüns müden Auge den befreienden An­blick des Himmels. Und tritt man aus eine Rodung hinaus, so ragen auch hier rings unerbittlich vierzig Meter hoch die grünen Wände, und man gleicht einem Gefangenen, der nur die enge Haft der Zelle mit dem Gefängnis- hof vertauscht hat. Dieser Wald hat nichts von dem feierlichen Frieden eines Buchen- oder Fichtenwaldes in der Heimat, er ruft auch, wenn der erste mächtige Eindruck verflogen ist, nicht eigentlich das Gefühl des Erhabenen wach, trotz der gewaltigen Höhe seiner Bäume,- dazu ist er viel zu unruhig in seinem Reichtum der verschiedensten Gestalten, der erst aufregend und dann abstumpfend wirkt, selbst wenn er in den Einzelheiten gar nicht zum Bewußtsein kommt, und er ist erdrückend durch seine ungeheure Masse, die vom Loden bis zu den höchsten Rronen den ganzen Raum erfüllt. 5o konnten wir es verstehen, daß die belgischen Beamten diesen großen Wald, ihretoret vierte", geisttötend finden und von dem Urwaldmarsch von Stanlepville nach ihren Stationen an der Vstgrenze oft mit gelindem Grauen sprechen. Der Beobachter und Sammler freilich, für dessen Blick das Lhaos sich in einzelne Gestalten auflöst, für den alle die fremdartigen Bildungen der Vegetation, wie nur der Tropenwald sie ausweist, Wesen und Bedeutung gewinnen, der findet übergenug des Interessanten in dieser Fülle, aber auch für ihn hat sie etwas Erdrückendes und er sehnt sich danach, die Augen, die sich müde geschaut haben an der Masse der Objekte, ausruhen lassen zu können aus der gelben Steppe mit dem einzigen Zauber ihrer großen Linien und ihrer weiten Fernen.