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J. Pechar, Dr. A. Peez.
Betrachtung viel von dem Beruhigenden, das fie für den erften Anblick zu enthalten fcheinen. Man ift in England bereits auf dem Punkte, um in vermehrter Förderung zugleich einen weiteren Schritt zur Erfchöpfung der Kohlenvorräthe zu erblicken. Vermehrte Production follte die Preife drücken, die Beforgnifs einer rafcheren Erfchöpfung aber hält fie hoch! Dazu kommt noch ein zweiter Punkt. Die im Jahre 1873 neu angelegten Schächte erfordern eine Belegfchaft von circa 20.000 neuen Arbeitern. Woher diefe nehmen? Und unter welchen Bedingungen find fie zu bekommen? Bei diefer verwickelten Sachlage ift es noch nicht abzufehen, ob wirklich das Publicum einen Vortheil von jenen neuen Kohlenauffchlüffen haben, oder ob nicht der ganze Vortheil den Gewerken oder den Arbeitern anheimfallen wird.
Ueberdiefs fchreitet die Erfchöpfung der alten Lager, aller Wahrfcheinlichkeit nach, rafcher voran, als die Erfchliefsung neuer. Es läfst fich nicht leugnen, dafs einige ältere Kohlenflöze bereits ftark im Abnehmen begriffen find. In Shropſhire find die weftlichen Baue fchon öde und von den Arbeitern verlaffen. In Staffordſhire ift das berühmte Dudley- Flöz, auch Zehn- Ellenflöz genannt, der Entkohlung nahe. Den Kohlenfeldern von Flintshire gab man fchon im Jahre 1865 nur mehr einen Vorrath von 20 Millionen Tonnen, und auch im Norden find grofse Strecken fchon völlig ausgekohlt. Diefs trifft natürlich gerade die qualitätsmäfsig beften und dabei feichteren und leichter abzubauenden Flöze. Die übrig bleibenden erfordern alfo jedenfalls gröfseren Capitalaufwand und vermehrte Arbeit mit einem Worte: die Förderung wird fchwieriger und das geförderte Product theuerer.
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Auf dasfelbe Ergebnifs läuft die Arbeiterfrage hinaus. Die Arbeit in den englifchen Kohlengruben ift fchwierig und gefährlich, weit fchwieriger und gefährlicher als in den meiften deutfchen und öfterreichifchen Kohlenwerken. Nach officiellen Berichten fällt in England, je nach der Oertlichkeit und Leitung auf 60.000 bis 180.000 Tonnen Förderung Ein Menfchenleben zum Opfer. Die Zahl der tödtlichen Unfälle bei dem gefammten englifchen Kohlen- Bergbaue wird auf 900 bis 1100 jährlich berechnet, erreichte aber in unglücklichen Jahren die Ziffer von 1400! Das ift der Menfchenverluft einer kleinen Schlacht und die Ueberlebenden geniefsen, nach ihrer Anficht, für die ftete Gefahr nicht die genügende Entfchädigung. Die oft geringe Mächtigkeit der Flöze, die nicht felten eine Bearbeitung in liegender Stellung erheifcht, bringt für den Arbeiter Befchwerden mit fich, die durch die hohe Temperatur noch vermehrt werden. Die durchgängig beftehende grofse Tiefe der Gruben verlängert die Momente, in welchen der Bergmann zwifchen Himmel und Erde fchwebt, und legt dem Kohlenbefitzer die Verfuchung nahe, mit möglichst wenig Schachtanlagen, die fo koftbar find, auszukommen. Durch die Tiefe der Gruben und die Seltenheit der Schächte ift die Ventilation fchwierig und fchlagende Wetter werden fehr gefährlich. Bis in die neuere Zeit fehlte es dem englifchen Kohlen- Bergbaue an der wiffenfchaftlichen Leitung, welche den deutfchen und öfterreichifchen Bergbau im Allgemeinen auszeichnet, ohne jedoch auch in den genannten Ländern wir erinnern an Lugau- die erfchütterndften Cataftrophen ganz vermeiden zu können. In vielen englifchen Kohlenrevieren find über die älteren Baue nicht einmal Grubenkarten vorhanden, fo dafs neue Anlagen dadurch nicht nur in ihrer rationellen Dispofition gehindert find, fondern auch oft ganz plötzlich auf verlaffene Strecken mit böfen Wettern und angefammelten Wäffern ftofsen, wodurch in manchen Revieren die Gefahren des Bergbaues wefentlich vermehrt werden. Die Gewinnfucht der Eigenthümer und Ingenieure fpart zuweilen an den erforderlichen Stützanlagen, wefshalb Einbrüche der Decke nicht zu den Seltenheiten gehören, und der Leichtfinn der Arbeiter thut zu wenig, um folche Unfälle zu vermeiden. Wie viel gute Eigenfchaften auch den englifchen Arbeiter und Werkführer auszeichnen mögen- eine auf naturwiffenfchaftlichen Kenntniffen beruhende Einficht und Vorficht gehören nicht dazu.