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Mineralifche Kohle.
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Jetzt rächt fich fchwer die arge Vernachläffigung, in welcher Staat und Private die englifchen Bergwerks- Arbeiter gelaffen haben.„ Das Mifsverhältnifs zwifchen dem Arbeiter und Arbeitgeber wird fich nicht eher befeitigen laffen, als bis die ganze bergmännifche Bevölkerung durch die Einführung des zwangsweifen Schulunterrichts von dem halbwilden Standpunkte, auf dem fie noch heute fteht, zu einem höheren Grade von Denkfähigkeit und Urtheilskraft erhoben fein wird. Erft dann wird der englifche Bergmann im Stande fein, die Wohlthaten zu geniefsen, welche aus einem geordneten Knappfchaftswefen, aus Spar- und Confum- Vereinen, deren fich der deutfche Bergmann fchon feit Jahrhunderten erfreut. hervorgehen; erft eine höhere Bildung wird ihm die Thorheit feiner Arbeitseinftellungen mit Verwerfung jeder Art von Schiedsgericht einfehen laffen und ihm ein geachtetes und gefichertes Verhältnifs zu feinen Kameraden und Arbeitgebern ermöglichen. So lange diefs aber nicht gefchehen, ift der englifche Kohlen- Bergmann nicht viel beffer, als ein NeuSeeländer oder Hottentotte, und die Exiftenz eines fonft vielleicht blühenden Betriebes kann durch feine Unvernunft jeden Augenblick in Frage geftellt werden". Diefe kräftigen Worte, die Herr Dr. Ad. Gurlt in feiner trefflichen Schrift Die deutfche Steinkohle als überfeeifche Handelswaare" bereits im Jahre 1868 ausfprach, haben in den letzten Jahren ihre volle Beftätigung erfah ren. Uebrigens beginnen jetzt endlich die Kohlengewerken und insbefondere die englifche Regierung einzufehen, dafs fie gegen fich felbft unklug handelten, indem fie der Arbeiterbevölkerung gegenüber nicht die Pflichten übten, welche der höheren Bildung, dem Reichthume und Machtbefitze obliegen. In SüdStaffordſhire wurde im Jahre 1872 zur Errichtung eines Verforgungshaufes für verunglückte Bergleute und deren Hinterlaffene gefchritten, und im Jahre 1871 begann man in Newcaſtle mit Lehrcurfen für Bergleute. Auch die Gefetzgebung hat endlich eingegriffen. Die zu Ende des Jahres 1872 erlaffenen„ mines regulations act", welche gewiffe Vorkehrungen zum Schutze der Grubenarbeiter anbefiehlt und jungen Leuten, damit ihre Erziehung nicht Noth leide, blos per Woche eine 54ftündige Arbeit in den Gruben geftattet, führte zugleich Prüfungen für die Steiger ein. Aber der Erfolg diefer Mafsregeln reift felbftverftändlich nur langfam, ja es wurde im erften Augenblicke das erwähnte Gefetz zu einer Erhöhung der Kohlenpreife benützt: durch die auf Grund diefes Geſetzes nothwendig gewordenen Vorkehrungen in den Gruben wird angeblich den Werksbefitzern eine Mehrausgabe von 4 bis 6 d.( 16-8 bis 25'2 kr.) per Tonne zugemuthet, während bei diefer Gelegenheit die Preife ( I fl. 51 kr.) per Tonne in die Höhe fchnellten!
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Die Befchwerlichkeit und mehr noch die Gefahren der Arbeit in den eng. lifchen Kohlenwerken legen die Vermuthung nahe, dafs das Streben der Arbeiter nach Abkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne keine blos vorübergehende Erfcheinung fein werde. Die Verfuche der Werksbefitzer fremde und zwar belgifche und deutfche Arbeiter heranzuziehen, waren bisher vergeblich.
Die Anwendung von Mafchinen bei der Strecken- und Kohlenförderung ift zwar im Zunehmen, wird jedoch vorausfichtlich, der Natur der Arbeit nach, ftets eine ziemlich begrenzte bleiben. Das Steigen der Löhne zog zwar aus anderen Berufszweigen eine Anzahl von Arbeitern( befonders Taglöhner und Matrofen) herbei, und man nimmt an, dafs fie in zwei Jahren zu guten Bergwerks- Arbeitern geworden feien; aber die Erfahrung fpricht dafür, dafs diefe neu gewonnenen Leute rafch die Anfichten und Beftrebungen ihrer älteren Collegen fich zu eigen machen. Ungeachtet ungünftigen Gefchäftsganges in der Gefammtinduftrie dauerten die Strikes bis in den Spätherbft 1873 fort, und da die Arbeiter, wie ihre Führer vor dem Ausfchuffe des Parlaments klar ausfprachen, geradezu auf Verminderung der Production losfteuern und ihre Ueberzeugung dahin formuliren, ,, dafs billige Kohle ftets von niederen Löhnen begleitet gewefen fei"- fo wird man auch in den englifchen Arbeiterverhältniffen fchwerlich ein Motiv entdecken