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Die Feldwirthschaft : (Gruppe II, Section 1) ; Bericht / von A. A. Schmied und J. Wiesner
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Feldwirthfchaft.

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Ein alter Satz ift es, den die klar überzeugende und mächtig anregende Darwin'fche Theorie in das hellfte Licht geftellt hat: natura non facit faltus, die Natur macht keine Sprünge, d. h. in der Natur ift alles Entwicklung, langfames, gefetzmäfsiges Wachfen, Hervorgehen des Vollkommenen aus dem Unvollkomme­nen. Befonders liegt in der Kreuzung ein nach verfchiedenen Richtungen hin civilifatorifches Element, welches in einem Zeitpunkte, wo die fich täglich meh­renden Verkehrsmittel ftets gefteigerte Berührungen verfchaffen, von unberechen­barer Tragweite zu werden verfpricht. Nach dem Darwin'fchen Geſetze werden fich aber auf anderem Wege, als dem der Inzucht, nur die vollkommenen Wefen behaupten, namentlich bis die weiteren Forfchungen zur Kenntnifs derjenigen Bedingungen führen werden, unter denen die Eigenfchaften des Vaters und jene, unter denen die der Mutter auf die Descendenz übergehen. In England ift man bereits dahin gelangt, aus einer Kreuzung verfchiedener Rinderracen Thiere zu erzielen, die fich vorzüglich zur Arbeit, und wieder andere, die fich nur zur Mäftung eignen, durch entsprechende Vermifchung des Blutes Pferde für den fchweren Zug und folche für die Rennbahn zu züchten.

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Die Feldcultur wird in jeder Hinsicht rationell und zweckmässig betrieben. England ift das Land der intenfiv organifirten Mafchinenarbeit; hier wurde das für lange Zeit als unmöglich gehaltene Problem, die Aecker mit Dampf zu bear­beiten, vollkommen gelöft, fo dafs gegenwärtig die Dampfcultur dafelbft allgemein verbreitet ift. Aber auch in Deutfchland erringen fich die Dampfpflüge immer mehr Boden und gelangen zu ftets gröfserer Verwendung, namentlich in der Gegend um Magdeburg. Denn diefelben befreien den Grofsbefitzer in einem gewiffen Sinne von zwei die Bodencultur beengenden Momenten, der Zeit und einer fortwährenden Steigerung der Arbeiterzahl, und bewirken durch die aus­gezeichnete Bodenbeftellung eine ftetige Vermehrung der im Inlande erzeugten Nahrungsftoffe. So ift die Dampfbodencultur eine hochwichtige Tagesfrage der Land- und Volkswirthfchaft geworden, eine Angelegenheit, welche auf die mate­riellen Enderfolge des Ackerbaues einen ungeahnten Einfluss auszuüben vermag. Lord Dunmore, Vorfitzender der fchottifchen Dampfcultur Gefellſchaft, fchreibt, dafs die Vermehrung der Bodenerträge durch die Dampfcultur, wie die in England gemachte Erfahrung lehrt, 25 bis 30 Percent beträgt, ohne Einrech­nung der Futtererfparung bei den durch die Dampfcultur in bedeutender Anzahl verdrängten Pferden.

Neben einer forgfältigen Bearbeitung des Ackers forgt der Engländer ge­wiffenhaft für eine vollſtändige Rückgabe aller dem Boden in den erzielten Ernten entnommenen Beftandtheile. Es foll nicht darauf hingewiefen werden, dafs Lie­bigs Lehre zuerft in England feften Fufs gefafst hat, auch nicht, dafs dort am früheften eine rationelle Düngerwirthschaft und eine ausgedehntere Anwendung des verfchiedenen Kunft düngers üblich wurde, fondern blos darauf, dafs in Eng­land der Anfang mit der Ausnutzung der Cloakenftoffe im Grofsen gemacht wurde; denn die allfeitig befriedigende Löfung der Latrinenfrage und die Einführung der Dampfcultur find die beiden wichtigften landwirthschaftlichen Tagesfragen, die allen anderen voranftehen. Befonders ift es die Sewage Farming, d. h. der Betrieb der Landwirthfchaft durch Beriefelung der Felder mit Cloakenwaffer, welche in England bereits häufig angetroffen wird. Ich erinnere blos an Rugby, wo der rühmlichft bekannte Agriculturchemiker Lawes feine diefsbezüglichen Experimente auf natürlichen Wiefen durch drei Jahre mit einer anerkennens­werthen Genauigkeit angeftellt und dabei unter Anderem gefunden hat, dafs die Anwendung von 20.000 Kubikmeter Sewage per Hektare einen Futterertrag von 1500 Francs fichert.

Auch wurde in England unendlich viel für die Verbefferung aller meliora­tionsbedürftigen Grundftücke gethan. Man erfand dafelbft das überaus belang­reiche Bodenverbefferungsmittel, die vollkommenfte Art der Bodenentwäfferung, nämlich die Drainage, welche in ganz England allgemein angewendet wird