30
Ant. Adam Schmied.
Ungarn ift ein von der Natur mit geradezu mütterlicher Zärtlichkeit ausgeftattetes Land, von dem man mit vollftem Rechte fagen könnte, dafs ,, darinnen Milch und Honig fleufst", aber es fehlt ihm an Arbeit und an Capital. Die intenfive, zielbewufste Arbeit ift vor Allem die Wünfchelruthe mit welcher die Schätze gehoben werden können, welche der gefegnete Boden des Ungarlandes beherbergt. Wird diefer Boden aufgefchloffen, fo wird Ungarn ein Paradies auf Erden; aber nur die Arbeit kann das allgemeine Vertrauen in die vielverheifsende Zukunft diefes Landes erhalten, rechtfertigen und verwirklichen.
Die agricole Expofition kennzeichnete Ungarn als einen reinen Agriculturftaat: prachtvolle Cerealien, insbefondere die fchweren Weizenforten, feine Tabake, fchöne Oelfrüchte, Mais und Bohnen, Flachs und Hanf, edle Weine und maffenhafte Wollen zogen die Aufmerkfamkeit des Befuchers an Doch trachtet man auch in Ungarn zu dem Getreidehandel, zu der Mühleninduftrie und dem Mehlhandel überzugehen, wie es die reich vertretene ungarifche Mühleninduftrie illuftrirte. Die königlich ungarifche höhere landwirthschaftliche Lehranftalt zu Ungarifch Altenburg ftellte eine reiche Collection von Landesproducten aus, von Mais und Bohnen bis zu dem Paprika, finnig das ungarifche Landeswappen darftellend. Die ungarifche ftatiftifche Centralcommiffion hatte orohydrographifche Karten, fpeciell die Gebirge und Gewäffer behandelnd, Ueberfichts- Bodenkarten, die Vertheilung der einzelnen Bodenarten darftellend, die Karten der AckerbauSyfteme, die Anbauflächen der Cerealien, des Hopfens, des Weinftockes, des Flachfes und Hanfes und intereffante ftatiftifche Nachweife über Unterricht, Vereinswefen, Ernte- Ergebniffe über Ein- und Ausfuhr und dergl. m. exponirt.
Die Schweiz, das höchftgelegene Land Europas, zeichnet fich durch manche Eigenthümlichkeit des Wirthfchaftsbetriebes aus. Charakteriftifch ift befonders die Alpenwirthschaft in Verbindung mit einer ausgedehnten rationellen Viehzucht. Im Jahre 1864 war der Werth fämmtlicher Almen 72 Millionen Francs mit 153.320 Kühen, die meiften in Graubünden; der Reinertrag betrug 11 Millionen Francs. In den für den Landbau geeigneten Lagen wird Getreide, auch Mais, dann Hülfenfrüchte und Kartoffeln u. f. w. gebaut, in den gefchützten Diftricten Wein cultivirt, Tabak gepflanzt, befonders aber eine forgfältige Obftcultur betrieben. Der Hauptwerth der fchweizerifchen Landwirthschaft befteht aber in der ausgedehnten und trefflichen Viehzucht, hauptfächlich Rindviehzucht; man hält dort annähernd 1 Million Stück Rindvieh, während Schweine und Schafe dem Bedarf nicht genügend find.
Der Grundbefitz ift in der Schweiz fehr vertheilt, und find dafelbft gröfsere Güter fehr felten. Die Befitzer bewirthschaften ihr Land felbft, Pacht bildet eine Ausnahme. Die Grundbefitzer bekommen leicht Capitalien aufnehmen, für welche ihre Befitzungen als Bürgfchaft dienen. Sie können Geld bei den Städtern und den Hypothekenbanken haben; der Zinsfufs fchwankt zwifchen 4 und 5 Percent. Im Canton Wallis ift das Syftem des Bodencredits dem Landbefitzer fehr günftig. Er findet zu 4% Percent Hypothekengläubiger, denen er einen Rentenbrief unterfchreibt, welcher durch Endoffement übertragbar ift.
Der Ackerbau wird forgfältig betrieben. Während die Drainage in der Bodenzerftückelung viele Hinderniffe findet, wird für die Bewäfferung unendlich viel gethan; befonders gelten die Walliffer als Meifter in Bewäfferungsarbeiten; Landwirthschaftliche Maſchinen finden wegen der Terrainverhältniffe weniger Anwendung; aber von dem Kunftdünger werden trotz der fehr rationellen Stallmift- Wirthfchaft alljährlich immer bedeutende Mengen verbraucht. Die landwirthfchaftlichen Vereine tragen viel zur Verbreitung der landwirthfchaftlichen Kenntniffe bei. Die beffere Cultur hat feit 30 Jahren eine bedeutende Vermehrung der Getreideproduction zur Folge gehabt. Dennoch liefert der Landbau kaum die Hälfte der zur Ernährung der Bevölkerung nothwendigen Bodenproducte.