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Thierzucht : (Gruppe II, Section 2) ; Bericht / von Johann Pohl
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Johann Pohl.

lich mehr Beachtungswürdigkeit und thatfächlich auch mehr Beachtung erworben, und in ihrem Zufammenwirken die heutige gegen ehemals ganz veränderte Lage gefchaffen. Der Züchter von heute weifs, dafs er nicht mehr blos die Befchaffen­heit der Wolle ins Auge zu faffen hat, fondern auch darüber den Körperbau nicht vernachläffigen darf; ja dafs letzterer oft fogar in den Vordergrund der Berück­fichtigung treten mufs. Nicht mehr hochfeine und hochedle Wolle mit all ihren Vorzügen allein zu erzeugen gilt heute als unbeftrittenes Ziel dem Züchter, fon­dern der Calcul fetzt das jeweilig anzuftrebende goldene Vliefs" feft. Das Ver­hältnifs zwifchen Körpermaffe, Wollmenge, Wollfeinheit etc. wird beliebig ver­fchoben und nur dahin im Principe feftgeftellt, wie es die befte Verwerthung eines gegebenen Quantums Futter ermöglicht. In vielen Fällen liefs fich auch auf der Aus­ftellung das Fortfchreiten der Schwenkung von Wolle zur Fleifchproduction wahr nehmen. Es bildet diefe Richtung geradezu einen fehr wefentlichen Theil der Signatur für die heutige Schafzucht, und wie überhaupt in jedem Uebergangs­ftadium zu einer neuen Epoche die abfterbende Macht nochmals alle Kräfte zufammenrafft, um fich zu behaupten und die alte Herrfchaft wieder herzustellen, fo hat es auch hier an Kämpfen nicht gefehlt, ja die vollſtändige Waffenruhe ift fogar heute noch nicht hergeftellt; aber die Gewalt der Dinge hat fich gleich­falls mächtiger gezeigt als die der Menfchen. Der deutſche Ausftellungskatalog gibt in einer Notiz den ziffermäfsigen Beleg hiefür, in der es heifst; dafs nach ungefähren Schätzungen und ftatiftifchen Erhebungen von den 29 Millionen Schafen, die das deutfche Reich befitzt, circa 14 Millionen der Merinorace und deren Unterabtheilungen, circa 7 Millionen den englifchen Racen und deren Kreuzungen und circa 8 Millionen den fogenannten Landfchafen angehören.

Deutfchland erkannte früher die Bedeutung der Schatten, die die Ereig. niffe vorauswarfen und trug ihnen durch die That Rechnung. Dadurch ift es uns um einen weiten Schritt voraus und befitzt eine Anzahl Stammheerden, die die verfchiedenen, durch die eingetretenen Verhältniffe neu gefchaffenen Ziele in ganz eminenter Weife repräfentiren. Diefe haben für uns gegenüber den engliſchen und franzöfifchen auch felbft abgefehen von den letztere betreffend bereits oben erwähnten Vorzügen manches voraus, als durch ihre Lage gebotene leichtere Erreichbarkeit und die Vortheile der Acclimatilation. Der formenden Schöpfungskraft der deutfchen Züchter ift damit Gelegenheit geboten, fich noch weiter und neuerdings zu bewähren.

Ebenfo gut als es immer längerer Zeit bedarf, bevor eine neue grofse Idee in Fleiſch und Blut übergegangen ift und die ihr entsprechende Bewegung erzielt hat, ebenfo überfchreitet diefelbe nur zu leicht in einzelnen Fällen, wie auch im Ganzen ihre Grenzen; dasfelbe können wir hier wieder in den Anfchauungen jener Züchter wahrnehmen, welche heute behaupten, dafs die Zukunft dem engli­fchen Fleifchfchafe einzig und allein gehöre. Local mag diefs ganz richtig fein, aber über ein ganzes grofses Land mit verfchiedenartig befchaffenen Verhältniffen dasfelbe auszufprechen, dürfte als etwas gewagt erfcheinen. Das Fleiſchſchaf fetzt die Erfüllung derartig günftiger Bedingungen voraus, wie fie nicht überall geboten werden können, und entweder fich nur mit unverhältnifsmässigem Auf­wande oder überhaupt gar nicht befriedigen laffen; während dem entgegen die Anfprüche des Merinofchafes viel befcheidene find und dasfelbe unter feiner Natur entfprechenden Verhältniffen noch lange fteht, wo fein Concurrent fchon darben müfste und dabei, ftatt feine hohen Vorzüge zu entwickeln, verkümmern würde. Solcher Verhältniffe gibt es aber fehr viele. Hochzucht mit Merinofchafen zu treiben, ift auch nicht Jedermanns Sache und die bisherigen Siege des Wiffens und des Könnens über den Widerftand der Natur waren und können noch immer, wie beiderfeits Beiſpiele lehren, fo erfolgreich fein, um auch den heutigen geän­derten Verhältniffen gegenüber noch Stand zu halten. Der Berichterstatter der 1867er Parifer Ausftellung, Regierungsrath Profeffor W. Hecke fprach in feinem diefsbezüglichen Berichte fchon diefen Gedanken aus und motivirte ihn damit,