Dokument 
Die chemische Industrie : (Gruppe III) ; einleitender allgemeiner Bericht / von Adolf Lieben
Entstehung
Seite
3
Einzelbild herunterladen

Die chemifche Induftrie.

3

verdanken ift. Es kam die Zeit, da felbft Frankreich, wo einft Lavoifier die Fackel entzündet hatte, die das ganze Gebiet der Chemie fo hell erleuchtete, erkennen mufste, dafs es trotz einzelner ausgezeichneter Männer, die das Banner der Wiffenfchaft hoch hielten, doch der Gefahr ausgefetzt war, zurückzubleiben, wenn es nicht denfelben Weg betrat, den man in Deutfchland bereits gegangen war und den Liebig gewiefen hatte. Ueberall, in England wie in Italien, in Rufsland wie in Amerika, werden jetzt Laboratorien gegründet oder beftehende umgebaut und erweitert. Mit freudiger Befriedigung dürfen wir anerkennen, dafs Oefterreich­Ungarn in diefer Beziehung nicht zurückgeblieben ist und dafs namentlich in den letzten Jahren durch den Bau fchöner und grofser Laboratorien in Wien und Peft, durch den Befchlufs, ähnliche neue Inftitute in Prag, Graz und Brünn zu errichten, die Regierung den Beweis geliefert hat, dafs fie die hohe Bedeutung der chemi­fchen Laboratorien für die Wiffenfchaft wie für die Induftrie, wie endlich als Stätten, in denen mit der Kunft der Beobachtung und des Experiments dem menfch­lichen Geifte eines der wichtigften Bildungsmittel geboten wird, zu würdigen weifs. Sei daher dem Berichterstatter erlaubt, was der Jury nicht vergönnt war, das erfte Ehrendiplom auf das frifche Grab Liebig's niederzulegen.

Wie auf der Londoner Weltausftellung von 1862 die eben erft auf­getauchte Induftrie der Anilinfarben das Intereffantefte war, das fich dem Befucher der chemifchen Abtheilung darbot, fo ift es auch diefsmal eine Entdeckung im Gebiete der Farbenchemie, die in erfter Linie die Aufmerkfamkeit des chemifchen Fachmannes zu feffeln verdient. Diefsmal handelt es fich allerdings nicht wie damals um ganz neue, durch nie früher gefehene Intenſität und Pracht über­rafchende Farben, fondern vielmehr um einen der längst bekannten und mit am häufigften angewandten Farbftoffe, den uns bisher die Pflanzenwelt geliefert hat und den wir nun gelernt haben unabhängig von den Launen der Ernten künftlich darzustellen. Dergleichen künftliche Darftellungen find eine der wichtigften Auf­gaben der Chemie, denn einerfeits erlangt die Wiffenfchaft, indem fie die Art und Weife ergründet, wie die Atome der Elemente fich zu dem Bau eines zufammen­gefetzten Moleküls zufammenfügen, eine nur fchwer auf anderem Weg zu gewinnende Einficht in das Walten der von Atom zu Atom thätigen Kräfte, anderfeits wird die Technik dadurch häufig um Körper bereichert, die wichtige Verwendung zulaffen und die fich in der Natur gar nicht finden oder vielleicht nur auf koftfpielige Art zu befchaffen waren.

Im Jahre 1868 entdeckten Gräbe und Liebermann, dafs das Alizarin, der bekannte wichtigfte Farbftoff der Krappwurzel, in naher Beziehung zum Anthra cen, einem der zahlreichen im Steinkohlen- Theer enthaltenen Kohlenwafferftoffe, fteht, und aus diefem künftlich dargeftellt werden kann. Wie für die Anilinfarben bildet alfo auch für Erzeugung der Anthracenfarben der Steinkohlen- Theer den Ausgangspunkt, doch ift es von Intereffe, zu bemerken, dafs man das Anthracen und fomit auch das Alizarin durch vollſtändige Synthefe, das heifst aus den Elementen felbft darftellen kann. Wenn der Flammenbogen zwifchen zwei Kohlen­fpitzen einer mächtigen, galvanifchen Kette innerhalb einer Wafferftoff- Atmoſphäre erzeugt wird, fo vereinigen fich unter diefen abfonderlichen Umftänden Kohlen­ftoff und Wafferftoff direct und liefern das gasförmige Acetylen, das, wenn es bis zur dunklen Rothgluth erhitzt wird, fich wenigftens theilweife in Benzol verwan­delt. Aus dem Benzol kann man aber einerfeits Anilin und die Anilinfarben, anderfeits Toluol und daraus weiter Chlorbenzyl bereiten, welches beim Erhitzen mit Waffer auf 180 Grad Anthracen liefert. Uebrigens foll auch direct beim Erhitzen des Acetylens neben Benzol etwas Anthracenhydrür entstehen, das beim Glühen Anthracen gibt. Die Darftellung aus den Elementen hat heute für das Benzol, wie für das Anthracen nur ein theoretifches Intereffe, da der Steinkohlen­

* Kurz vor Eröffnung der Weltausftellung ftarb Juftus von Liebig am 18. April 1873.