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Die chemische Industrie : (Gruppe III) ; einleitender allgemeiner Bericht / von Adolf Lieben
Entstehung
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Dr. Adolf Lieben.

Theer uns mit beiden Stoffen auf viel wohlfeilere Art verforgt. Doch liefert die Synthefe einen neuen, wenn auch kaum mehr nöthigen Beweis dafür, dafs es zur Entstehung der Stoffe, die wir fonft der Pflanzenwelt entlehnten, keiner geheim­nifsvoll wirkenden Lebenskraft bedarf.

Im Zeitraume weniger Jahre, feit 1870, hat fich die künftliche Darstellung des Alizarins aus dem im Steinkohlen- Theer enthaltenen Anthracen zu einem wichtigen Induftriezweige entwickelt. Deutfchland zählt bereits zehn bis zwölf derartige Fabriken, England und Frankreich, der fchützenden Patente wegen, je eine. Die Gefammtproduction für 1873 beläuft fich auf 22.000 Centner zehn­percentige Alizarinpafte im Werthe von 12 Millionen Mark, wovon circa 15.000 Centner auf Deutſchland, 6000 auf England kommen. Schätzt man die Gefammt­production aller Gasanftalten auf 5 Millionen Centner Theer und den Gehalt des Theers an Anthracen auf o 5 Percent, fo ergibt fich ein Totale von 25.000 Cent­nern Anthracen, über die man heute als Rohmaterial für Alizarinbereitung disponirt und die mehr als ausreichend find, um den ganzen gegenwärtigen Alizarinverbrauch( entfprechend 1 Million Centner Krapp im Werthe von 40 Mil­lionen Mark) zu decken. Die Färber und Drucker ziehen begreiflicherweife das künftliche Alizarin feiner gröfseren Reinheit wegen dem Krapp und den verfchie­denen Krapp- Präparaten, in denen lediglich nur das Alizarin der wirkfame Beftand­theil ift, vor, und fo darf man erwarten, dafs fchon in den nächften Jahren der Krapp allmälig vom Markte verdrängt werden dürfte. Dafs es ein nationalöcono. mifcher Vortheil ift, wenn die Bodenfläche, die jetzt zur Krappcultur gebraucht wird, für andere Verwendungen disponibel wird, braucht kaum erft gefagt zu werden. In Oefterreich exiftirt bisher noch keine Alizarinfabrik, doch ift kein befonderer Grund einzufehen, warum Oefterreich in diefer Beziehung dem Aus­lande tributpflichtig bleiben follte. Selbft wenn eine öfterreichiſche Fabrik auf Bezug von englifchem Anthracen angewiefen wäre( was auch bei deutfchen Fabriken vielfach der Fall zu fein fcheint), dürfte die Darftellung des künftlichen Alizarins, deffen Abfatz im Inlande gefichert wäre, fich als gewinnbringend erweifen. Inwieweit der in Oefterreich producirte Steinkohlen- Theer fich zur Gewinnung von Anthracen eignet, follte aufserdem durch befondere Verfuche feftgeftellt werden.

Der Befprechung des Anthracen- Farbftoffes fchliefst fich naturgemäfs die der Anilinfarben an. Diefe Induftrie, deren erfter Urfprung nur bis zum Jahre 1856 zurückreicht, und die auf der Londoner Ausftellung von 1862 zuerft die all­gemeine Aufmerkfamkeit durch ihr glanzvolles Auftreten feffelte, hat in den letzten Jahren namentlich in Deutſchland bedeutend an Ausdehnung gewonnen, aufser dem aber auch erhebliche Fortfchritte aufzuweifen.

Schon auf der letzten Weltausftellung 1867 zu Paris hatten Poirrier& Chap­pat fils Methylanilin ausgeftellt, das nach einem fehr zweckmäfsigen neuen Ver­fahren von Bardy, nämlich durch Erhitzen von Anilinchlorhydrat mit Methyl­alkohol in verfchloffenen Gefäfsen dargestellt worden war. Aus dem Methylanilin aber war es ihnen, geftützt auf Lauth's frühere Beobachtungen, gelungen, durch Einwirkung von Zinnchlorid( auch noch einige andere Stoffe find zu diefem Zwecke geeignet) eine prachtvolle, violette Farbe ,,, Violet de Paris", zu erhalten. Diefer damals ganz neue Farbftoff und das Methylanilin, aus dem er bereitet wird, haben feitdem eine grofse induftrielle Bedeutung erlangt, und werden gegenwärtig auch in Deutſchland, wo fie damals noch unbekannt waren, fabriksmäfsig dargestellt. Das Methylanilin- Violett hat gegenüber dem fogenannten Jodviolett( Hofmann's Violett), das durch Einwirkung von Jodmethyl auf Rofanilin( Fuchfin) erhalten wird, zwei Vorzüge voraus, welche es in den Stand fetzten, das letztere wenigftens theilweise zu verdrängen. Zur Darftellung des erften ift nämlich kein Jodmethyl

* Diefe und die hier folgenden ftatiftifchen Angaben find dem amtlichen Katalog der Ausstellung des deutfchen Reiches entnommen.