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Schafwolle und Schafwoll-Waaren (Gruppe V, Section 1) : Bericht / von Carl Th. Richter ; C. Falk ; Emanuel Thieben
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Emanuel Thieben.

Unter den Provinzfirmen war ein erft feit zehn Jahren in diefem Artikel thätiges Haus Ducros& Robert in Lyon und Nimes hervortretend. Deffen Zeichnungen zeigten allerdings nicht jenes gewandte Eingehen in die Vorbilder und man konnte auch an Stellen einige Befangenheit in der Löfung des Deffins gewahren; dafür erfetzte dasfelbe den leichten Nachtheil durch wahrhaft eminente Farben, wenn auch das Roth mehr auftrat, als vom Standpunkte der Schönheit zu wünfchen war. Die meiſten Shawls der Firma hatten fchwarze Rondeaux, die vom Deffin etwas zu fcharf abftachen.

Rufsland. In Rufsland wird nur gröbere Shawlwaare und auch diefe heute noch in bedeutenden Maffen erzeugt. Das füdliche Rufsland verforgt fich in feine­rer Waare von Cachemir, das nördliche auch aus Frankreich. Diejenigen Fabriken, welche in Rufsland Shawls erzeugen, betreiben gewöhnlich noch eine oder die andere Webeinduftrie dazu; in Shawls ftehen fie dem Wiener Gefchmacke fehr nahe. Auf der Ausftellung bot die Firma R. Menke in Lodz, Gouvernement Piotrkow einiges Intereffe durch ihre gröberen Shawlwaaren, die bei reiner und fchöner Webe ganz fich den Wiener Erzeugniffen anfchlofs.

Oefterreich. Die Shawlfabrication Wiens entftand am Beginne des Jahr­hundertes und wurde dahin aus Frankreich verpflanzt. Der erfte Erzeuger von Shawls in Wien war der Weber Bertolli.

Diefer talentvolle und thätige Mann machte von 1805 an bedeutende Anftrengungen, um den Artikel, der damals der Gegenftand eines empfindlichen Schleichhandels war und fchwere Summen dem Auslande zuführte, in Oefterreich in gleicher Güte zu erzeugen und mit ihm waren auch bis 1807 Hornbostel, Griller, Hermann u. A. in gleicher Weife bemüht; deffenungeachtet und namentlich nach dem Ableben Bertollis, der Seele aller Beftrebungen, mufsten die Verfuche wieder aufgegeben werden. Die mechanifchen Einrichtungen waren zu unvollkommen und die Waare konnte nur mit zu grofsen Opfern an Zeit und Mühe einigermassen concurrenzfähig hergeftellt werden.

Das mechanifche Mittel war der Zugftuhl"; in feiner damaligen Geftalt hatte er in acht Reihen 400 Rollen und geftattete daher nur eine geringe Breite; nun wurden zwar allerdings die Rollen verdoppelt und fogar verdreifacht, diefs erfchwerte aber wieder die Arbeit des Ziehens. Alle Veränderungen vermehrten die Erzeugungskoften, ohne im gleichen Verhältniffe den Artikel zu verbeffern. Die erften Shawls waren vier bis fünffarbig und urfprünglich nicht ,, aus­gefchnitten". In der additionellen Ausftellung war das Modell eines alten Zug­ftuhles zu fehen und auch der Webftuhl der Japanefen, welcher im Hofeinbaue der Ausstellung diefes Landes in fteter Thätigkeit war, beruhte wefentlich auf denfelben mechanifchen Principien.

Die erwähnten ungünftigen Umftände liefsen die Anftrengungen auf Jahre hinaus ruhen. Erft im Jahre 1814 gelang es den Webern Anton Mayer, Jofef Wolf, Lorenz Schaller, Johann Blümel, 1816 auch Jofef Heinze nach mühfeligen, oft mifsglückten Verfuchen eine concurrenzfähige und preiswürdige Waare zu erzeu­gen. Zu diefen erfreulichen Errungenfchaften gefellte fich eine riefige Nachfrage vorzüglich aus dem Norden, fo dafs, wie J. G. Bartfch in feinem Werke fagt, die wöchentliche Fertigung von 2000 grofsen Shawltüchern dem Bedarfe nicht entfprach.

Bis zur Erfindung der Jacquardmafchine machten fich 1802 bis 1815 um die Verbefferung der mechanifchen Einrichtungen vorzüglich Freund, Diez und der Weber Schuhmann verdient. Im Jahre 1814 erfand der Weber Jacquard zu Lyon feine nach ihm benannte Mafchine; fie wurde jedoch erft fechs Jahre fpäter durch Kannegiefser und den Commercialmafchiniften Baufsemer nach Wien gebracht. Die erfte nach Wien gelangte Jacquardmafchine war ohne Trittvorrichtung. Die erfte Trittmafchine machte Czernig nach den Angaben Baufsemers.