Shawls.
37
Im Jahre 1830 wendete man zum erften Male den Grundfatz an, wodurch, da der Spiegel mit Auffchufs gearbeitet werden konnte, eine gröfsere Haltbarkeit erzielt wurde. Erft um den Beginn der dreifsiger Jahre fcheinen fich für die Shawlinduftrie Künftler gebildet zu haben. Der erfte bekannte Shawlzeichner hiefs Efche; er fertigte, und mit ihm auch ein anderer Zeichner Kokefch, die erften Mufter auf Gradpapier, welch' letzteres zuerft von dem bekannten Kupferftecher Schönberger herrührte.
Zwifchen die Jahre 1830 und 1840 fallen die wefentlichften Verbefferungen in der Shawlfabrication; hieher gehören die erfte Anwendung des Repetirfchuffes und die Verbefferung der Trittmaſchine, wie fie noch heute beſteht, wahrfcheinlich nach franzöfifchen Vorfchlägen. Dagegen ift als nationale Erfindung die " Doppelmafchine" anzufehen, welche der Wiener Kofchatzky erfand und welche ihrer Vortheile wegen eine fchnelle Verbreitung fand.
Noch lange Zeit wurde mit Stecker gearbeitet, bis Kliemke nach einem Lyoner Mufter den Steckschlag bekannt machte; Kneppberger verbefferte denfelben nach einer Elberfelder Conftruction. Zuerft wurde er von Imlauer angewendet. Faft. gleichzeitig verbefferte ein einfacher Schloffer, der geniale Willmann, die Schlagmafchine. Sie ift anerkannt beffer als die franzöfifche und noch heute als muftergiltig anzufehen.
Man kann annehmen, dafs bis zum Jahre 1834 die Wiener Shawlfabrication in beftändigem Aufftreben begriffen war; dasfelbe machte fich gleichzeitig nicht allein in dem rührigen Beftreben merkbar, durch techniſche Errungenfchaften das Fach zu erheben, fondern auch durch gefchäftliche Erfolge, welche namentlich gegen Norden hin fehr bedeutend genannt werden konnten. Nach verlässlichen Berichten beftanden im Jahre 1834 circa 400 felbftftändige Meifter, welche be3000 Webftühle fortwährend im Gange erhielten. Von diefer Zeit an bis zum Jahre 1840 etwa ftand die Wiener Shawlinduftrie auf dem Zenithe ihrer Entwicklung; eine vollſtändig ebenbürtige Gegnerin der franzöfifchen; von diefem Jahre an machten fich jedoch anfänglich leife, fpäter ganz deutlich fühlbare Anzeichen der Stagnation geltend, mit dem Jahre 1848, jenem Jahre, in welchem unter Sturm und Bewegung nicht allein die politifchen, fondern auch die focialen. Grundlagen der Gefellſchaft erfchüttert und verändert wurden, begann allgemein der Verfall des fchönen Induftriezweiges fichtbar zu werden. Der allzu rege Anfchlufs an die franzöfifche Induftrie, ein Umftand, den fich diefe fehr intelligent zu Nutze gemacht, die Wandlung der Mode, wefentliche Aenderungen in der bisherigen Zoll- und Handelspolitik, die auf das Allgemeine berechnet, nicht rafch genug von der Branche gewürdigt wurden, endlich eine rafch eintretende Verzagtheit der Induftriellen, eine Folge der in guten Zeiten nicht geförderten allgemeinen Intelligenz, diefs Alles waren die wefentlichen Urfachen des Rückganges, und es erforderte viele Opfer, um diefen Zweig der Webetechnik lebensfähig zu erhalten, und es wird noch Jahre erfordern, demfelben mühfam wieder zu feiner verdienten Geltung zu verhelfen.
Es ift ein Beweis, wie fehr die eingeriffene Muthlofigkeit nach 1848 einen wefentlichen Einflufs auf die Thatkraft genommen hat, dafs nach einer wahren Fluth von Anftrengungen zur Verbefferung der Fabrication von 1805 bis 1848, von diefer bis in unfere Zeit herein keine bemerkenswerthere Verbefferung verzeichnet werden kann, als jene der Anwendung der flamirten Ketten.
Etwa von 1860 an beginnt in der Branche einiges Leben, und es iſt feit diefer Zeit auch wieder einiges Beftreben merkbar, in technifcher Beziehung
Schritt zu halten.
In techniſch- mechanifcher Richtung find die anerkennenswerthen Erfolge in der Conftruction der( hölzernen) Werkftühle von Schramm und in neuerer Zeit auch jener von Bachmeyer nicht zu verfchweigen. Genaue und exacte Arbeit der einzelnen Theile und Dauerhaftigkeit kennzeichnet auch in diefer Richtung Wiener Arbeit. Wien zählt etwa fünf bis fechs Mechaniker für Webeftühle.