Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten.
41
Das Vorbild, welches innerhalb diefer Grenzen fich als das nachahmens werthefte empfiehlt, ift ohne Zweifel der holländifche Flachsbau. Die Holländer wählen, wie bekannt ift, ein in Kraft ftehendes Land, fäen zwei Hektoliter auf die Hektare, ziehen den Flachs, wenn der Samen in der Mehrzahl der Kapfeln foweit gereift ift, dafs ein quer durch die Kapfel geführter Mefferfchnitt regelmässige Schnittflächen aufweift; bewahren den Samen in den Kapfeln auf, bis fie ihn zu gelegener Zeit ausdrefchen; reinigen und fortiren mit grofser Sorgfalt. In allen diefen Dingen darf uns das holländifche Verfahren als Mufter dienen.
Was aber das Ernteverfahren anbelangt, fo darf die Kortryk'fche Methode der handvollweifen Aufkapellung der holländifchen, gebündelten Kapellung noch
vorgezogen werden.
Es könnten hier zwei weitere Fragen aufgeworfen werden: Soll zum Zwecke der Samenerzeugung die Saat gedrillt werden? Und ferner: Ift Samenraftung empfehlenswerth?
Auf die erfte Frage ift zu bemerken, dafs das Drillen der Saat allerdings die Menge und Güte der Samenernte befördern kann; allein es mufs daran erinnert werden, dafs die Samenerzeugung auf Koften der Fafererzeugung in unferen Verhältniffen unwirthfchaftlich genannt wurde; es wird alfo nur in folcher Weife zu billigen fein, dafs es nicht den Faferertrag unverhältnifsmässig herabmindert, und es wird zu beachten fein, dafs unter gleichen Verhältniffen gedrillte Saat leichter dem Frofte erliegt als ungedrillte.
In Bezug auf die Samenraftung gehen die Uebungen in auffallender Weife auseinander. Sie liefert zuweilen, wie zahlreiche Verfuche in Oefterreich und Deutfchland beftätigen können, ganz ausgezeichnete Refultate und es ginge kaum an, diefelben zu ignoriren. Dagegen in Rufsland, Holland etc. ift fie kaum in Gebrauch, fondern es kommt regelmässig letztjährig geernteter Samen im folgen. den Frühjahre zur Ausfaat. Ja nach den Rigaer Exportnormen wird die befte Säe- Leinfaat letzter Ernte, die nicht bis zu 15/27 Mai verfchifft worden, weil fie, wie man erfahren hat, durch längeres Liegen bei höherer Temperatur die Vorzüge ihrer Keimkraft einbüfsen würde, zur„ verwrackten Säefaat". Es wird Aufgabe der Pflanzenphyfiologie fein, diefen widerfpruchsvollen Gegenftand zu beleuchten.
Es fcheint, dafs in einem minder gut fortirten oder an fich verfchiedenkräftigen Samen die Raftung, ähnlich wie das Dörren, durch Tödtung fchwächlicher Keime nützt. Aber es läfst fich auch nicht in Abrede ftellen, dafs man nicht felten eine pofitive Kräftigung der Keimkraft davon bemerken konnte.
Im Ganzen erfcheint darnach die Sache als nicht fpruchreif, und es mögen noch immerhin die örtlichen Erfahrungen ihr Recht fortbehalten.
Hier am Schluffe diefes Abfatzes fcheint mir auch paffend zu beantragen: Der hohe Congrefs wolle nachdrücklich dafür einftehen, dafs die Säe Leinfaat allenthalben nur vollständig gereinigt in den Verkehr gebracht werde.
Der vierte Antrag lautet:
,, Zur Hebung der Leinfaat find zweckdienlich:
1. Verbreitung einfchlägiger Kenntniffe und Fertigkeiten unter den flachsbauenden
Landwirthen;
2. Errichtung von Samenmärkten;
3. Förderung des Abfatzes der überfchüffigen oder fchon örtlich entarteten Leinfaat."
Eine erfte Bedingung für das Gelingen einer fördernden Einwirkung auf die Erzeugung von Säe- Leinfaat ift allerdings das Vorhandenfein der natürlichen Vorausfetzungen, namentlich eines geeigneten Bodens
Auf armen Sandböden, wie den flandrifchen, läfst fich wohl durch unausgefetzte Cultur eine höchft werthvolle Fafer, aber kein werthvoller Same ſchaffen.
Wo alfo eine Hebung der Samenerzeugung angeftrebt werden foll, dort mufs das Land vor Allem dazu natürlich und wirthfchaftlich veranlagt fein.