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Die Stickerei und die Spitzen : (Gruppe V, Section 8) ; Bericht und Die Frauenarbeiten (Anhang zu Gruppe V) : Bericht / Von Dr. Ferdinand Stamm / von Helene Freiin v. Roditzky
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Die Stickerei und die Spitzen.

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artigen Naturgegenständen. Kunftforfcher haben aber aus der Vergleichung der chinefifchen Ornamente von verfchiedenen Zeitaltern ihrer Gefchichte nachge­wiefen, dafs der Stil ihrer Ornamentik eben folche Veränderungen durchgemacht hat, wie der anderer Völker und dafs erhaltene Kunftfachen aus alten Zeiten, die chinefifchen Antiquitäten, eine weit gefälligere Ornamentik zeigen, die am meiften Aehnlichkeit mit der phantafievollen reichen Ornamentik der Indier hat. Die jetzigen Ausfchreitungen der Ornamente, der chinefifche Stil, ift daher mit der bei uns überwundenen Rococcozeit oder dem Barockftil zu vergleichen, der als eine Ausfchreitung und Verzerrung der edlen Renaiffance angefehen werden kann.

Was die Wahl der Farben betrifft, fo herrfchen die hellen und kräftigen Hauptfarben von Roth, Gelb und Blau vor, die verblafsten und die verdunkelten Farben, fowie das farblofe Schwarz und das fchmutzige Grau, welches fich in dem Abendlande fo breit macht, find auf den chinefifchen Stickereien faft ganz vermieden. Die Zuſammenſtellung der Farben ift immer harmoniſch und wirkfam. Die vorzüglichen Farbftoffe und der Glanz der Seide, deren fie fich zu ihren Stickereien bedienen, begünftigen hier den Gefchmack der Stickerin. Gold und Silber ift immer nur als Farbe den anderen Farben eingefügt und dort gebraucht, wo man das fchöne Gelb der chinefifchen Seide noch nicht für kräftig genug hält, und den Glanz erhöhen will. Spiegelndes Gold, wie es der Goldlahn und die Goldflitterchen bilden, kommt auf chinefifchen Stickereien nur felten vor.

Die Stickerei der Japanefen ift nach der Technik der Zeichnung und Farbe jener der Chinefen verwandt, aber im Allgemeinen weniger kunftvoll und weniger mühevoll gearbeitet. Das Ornament ift leichter und gefälliger, meift nur auf einer Seite des Stoffes vollkommen ausgeführt, alfo mit einer Lichtfeite und Kehrfeite. Auch in den japanefifchen Stickereien herrfchen die Nachahmungen der Vögel und Blumen vor. Auf der Wiener Ausstellung war der mit Farben prangende Hahn im Kreife der Hühner und Küchlein, Weizenkörner aufpickend, zahlreich dargestellt. Die Zeichnungen der Japaneſen find aber reiner, als die der Chinefen und unferem Auge gefälliger. Die Beimengung der grotesken Figuren von Drachen, anderen Ungeheuern und von Symbolen, welche unfer Auge anwidern, fehlt faft gänzlich.

Wenn im Orient im Allgemeinen die Stickerei fehr verbreitet ift, da die leichten Gewänder, die Zelte und andere leichte Schutzmittel gegen die läftige Sonne reichlichen Stoff und Anregung zur Verzierung boten, fo kann man Indien die eigentliche Heimat derfelben nennen.

Durch die Engländer wurden denn auch auf der Weltausftellung 1873 fehr fchöne Stickereien aus Indien herbeigebracht, darunter kunftvolle Shawls und Gewänder, befonders in Goldftickerei. Als die koftbarften und fchönften mögen jene angefehen werden, wo das Gold den Grund der Stickerei bildet, und die Zeichnung durch verfchiedenfarbige Seide ausgeführt ift, wie das Gewand, das die Figur des Nabob in feinem gefchmückten Zelte trug. Auch andere Arten von Buntftickereien waren aus Indien ausgeftellt, die von dem hohen Stande der Stickerei bei einem Volke zeugen, das an Kunftfertigkeit und Kunftfinn, an Phantafie und feinem Gefühle für Farbenharmonie den meiften anderen vorangeht, aber diefe Ausftellung ftand jenen in London 1862 und in Paris 1867 nach, und liefs eher auf einen Rückfchritt als Auffchwung fchliefsen.

Die Engländer find feit längerer Zeit Herren des fchönen Indien und die Induftrie des Volkes fteht unter ihrem Schutze. Man hätte nun erwarten follen, dafs die Engländer von den muftergiltigen Arbeiten und der hohen Kunftinduftrie des Volkes, mit dem fie in regftem Verkehre ftehen, den gröfsten Nutzen ziehen würden, indem fie nach diefen Muftern ihre eigene Induftrie künftlerifch veredelten, dafs fie namentlich ihren Farbenfinn an den indifchen Muſtern ausbilden, und die reiche Ornamentik zur Bereicherung der eigenen Ornamentik in allen Kunft­gewerben ausnützen werden; und es fehlte auch nicht an zweckmäfsiger Belehrung dazu durch Kunftforfcher, welche in fehr werthvollen Werken diefe Schule der