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Die Stickerei und die Spitzen : (Gruppe V, Section 8) ; Bericht und Die Frauenarbeiten (Anhang zu Gruppe V) : Bericht / Von Dr. Ferdinand Stamm / von Helene Freiin v. Roditzky
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Die Stickerei und die Spitzen.

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Um aber den Stil zu beurtheilen und darnach die Zeichnung zu entwerfen oder auch nur nach Vorlagen auszuwählen, mufs fich die Frau eine allgemeine Kunftbildung erwerben oder den Rath eines Kunfterfahrenen einholen.

Es ift das für eine Frau nothwendiger und koftet weniger Mühe als etwa die Erlernung des Clavierfpiels, auf welche fie mehrere Jahre zu verwenden kein Bedenken trägt.

Die Ausftellungen der Frauenarbeiten in der italienifchen, fchwedifchen und befonders die Dilettantenarbeiten in der öfterreichifchen Abtheilung hatten, von einer Kritik des Einzelnen ganz abgefehen, den grofsen Werth, dafs fie das eifrige Streben und den ernften Willen der Frauen zeigten, das angeborene künftlerifche Talent wieder auf einem dem Frauenberufe würdigen Kunftgebiete geltend zu machen, und einen bienenartigen Fleifs verrathen haben, den fie auf Werke ver­wenden, die den Frauen der Vorzeit hohen Ruhm eingetragen und auch den Frauen der Jetztzeit den Lorbeer der Kunftfertigkeit winkend entgegen halten. Die Mittel dazu find für die heranwachfenden Mädchen die verbefferten Arbeitsfchulen und für die Frauen die in den Mufeen für Kunft und Induftrie wieder aufgefchlof­fenen Fundgruben der alten Kunft.*)

Der abgeriffene Faden mufs wieder angeknüpft werden. Das Vereinswefen ift die neue Form gemeinfamer Arbeiten. So mögen fich Frauenvereine bilden zur Hebung der Kunftinduftrie der Frauen durch Unterricht in der Technik und durch Verbreitung guter Mufter und Vorlagen.

Die Maſchinenftickerei.

In den meiften Staaten des Abendlandes, befonders in Oefterreich, Deutfch­land, Frankreich, England und der Schweiz hat fich neben der Hausarbeit ein befonderes Näherei- und Stickereigewerbe herausgebildet, das in einzelnen Gegen­den von Frankreich, in der Schweiz und in Oefterreich zu einem Fabricationszweig erweitert ift mit ausgeführter Arbeitstheilung. Ein Unternehmer vertheilt den Stoff und die Stickmufter an einzelne Arbeiterinen und vertreibt die erzeugte Waare im Handel. Wie bei anderen Fabricationszweigen, z. B. bei der Uhrmacherei, arbeitet dann ein Mädchen ein und dasfelbe Mufter auf einem fchmalen Streifen Jahre lang. Es lag nun nahe, diefe leichte, einförmige Arbeit durch eine Mafchine aus­führen zu laffen und die Stickmafchine wurde erfunden und in Verwendung genom­men, wie fie in der Ausftellung 1873 viel Auffehen erregte.

Die Mafchine befteht aus einem grofsen, fenkrecht geftellten Rahmen, in welchem der Stoff ausgefpannt ift, auf welchem die Stickerei nach einem beftimmten Mufter wohl hundert und mehr Mal zugleich ausgeführt werden foll. Zu diefem Zwecke fteht auf beiden Seiten des Rahmens ein bewegliches Geftell, das eine lange Reihe von Zangen trägt. Das Geftell kann auf Rollen vorwärts gegen den aufgespannten Stoff und wieder zurück geführt werden, wobei fich die Zangen zugleich öffnen. und wieder fchliefsen. Einer Zange diefsfeits des aufgefpannten Stoffes fteht immer eine Zange auf der anderen Seite genau gegenüber.

Dazu kommt eine Nadel, die auf beiden Seiten zugefpitzt ift und in der Mitte das Oehr für den Faden hat. Die eingefädelten Nadeln werden mit dem einen fpitzigen Ende in die Zangen der einen Seite gefteckt, und nun beginnt das Spiel des Mechanismus. Die Zangenreihe bewegt die Nadeln gerade gegen den Stoff und fticht fie mit dem anderen fpitzigen Ende durch. In diefem Momente ftehen auf der anderen Seite die offenen Zangen, bereit die durchgefteckte Nadel am anderen Ende zu faffen und mit dem Faden durchzuziehen.

Durch einen Mechanismus, den der Arbeiter leitet, werden die durch­gezogenen Nadeln etwas verrückt, um an einer neuen Stelle, wie es die Zeichnung verlangt, von den Zangen, welche jetzt die Nadeln halten, wieder durchgeftochen

*) Siehe: Die Frauenarbeiten von Helene Freiin v. Roditzky.