Silberarbeiten
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Diesfeits der Alpen gehören alle befferen kirchlichen Silbergegenstände, alle diejenigen, welche mit einer gewiffen künftlerifchen Abficht gefchaffen worden, foweit fie für den katholifchen Gottesdienft beftimmt find, einem der mittelalterlichen Stile an. Davon machten auf der Ausftellung nur einige franzöfifche Arbeiten neben vielen mittelalterlichen die Ausnahme. Sonft folgten die belgifchen, die öfterreichifchen, die rheinifchen und weftphälifchen, die Münchener der gleichen Tendenz. Die höchft bedeutende kirchliche Goldfchmiedekunft des Rheinlandes war freilich nur in fehr unzulänglicher Weife vertreten.
Unter den mittelalterlichen Stilen ift vorwiegend der gothifche in Uebung, doch hat auch der romanifche, insbefondere um feines Emails willen( Zellenfchmelz wie Grubenfchmelz), viele Freunde gewonnen. Aachener Goldfchmiede arbeiten in diefem Stil mit grofsem Glück und Gefchick. Der gothifche Stil wird im Allgemeinen bei allen befferen und bedeutenderen Leiftungen mit ebenfo grofsem Glanze wie entſprechender Richtigkeit geübt, und wie in Wien, wo unter anderen die Architekten Schmidt und Lippert den Goldfchmieden zu Hilfe kommen, fo gefchieht es auch anderswo. Es ift das Verftändnifs des gothifchen Stils jetzt fo weit durchgedrungen, dafs man fich nunmehr an die gleichen Vorbilder des Mittelalters hält, und nicht wie früher, an die fteinerne Ornamentation der Kirchen. Es gab aber auch Ausnahmen von diefer Regel auf der Weltausftellung, fo die für den billigen Bedarf gefchaffenen Geräthe der Rockenftein'fchen Fabrik in München, welche durchgehends das fchwere geometriſche Steinmafswerk mit Pfeilern, Säulen und Capitälen auf das Metall übertragen hatten.
Da die kirchliche Goldfchmiedekunft in den einzelnen Ländern nur von wenigen Fabrikanten geübt wird, fo waren es auch nur einzelne, die fie auf der Ausftellung vertraten. Von Frankreich war es das Parifer Haus Pouffielque Rufand, welches eine aufserordentlich reiche und glänzende Collection zur Anfchauung gebracht hatte. Diefe Arbeiten, die alle Geräthe bis zu den grofsartigften Reliquiarien umfafsten, waren bei weitem vorwiegend mittelalterlich, und zwar erkannte man dabei das Beftreben, die Echtheit fo weit zu führen, dafs alle Eigenthümlichkeit der Zeichnung, die des Stils fowohl, wie die der Unbeholfenheit Nachahmung fand. Dennoch beeinträchtigte die überaus ftarke Vergoldung, welche allzubreiten Raum einnahm, den alterthümlichen Eindruck. Auch denjenigen Geiftlichen, welche noch nicht zum Gefchmacke für mittelalterliche Art durchgedrungen waren, hatte übrigens diefe Fabrik Rechnung getragen. Eine Anzahl Gefäfse und Geräthe in echten Zopfformen oder mit verzopften Ornamenten innerhalb reinerer Formen zeugte dafür.
Die bedeutende rheinifche Goldfchmiedekunft hatte, fo viel uns davon erinnerlich, nur allein eine grofsartige filberne Monftranz in gothifcher Kirchenform von J. Simon in Trier auf die Ausftellung gefendet. Aus Weftphalen waren W. Rentrop und Arnold Künne zu Altena erfchienen, beide mit einer gröfseren Serie von Gegenftänden, davon die meiften mittelalterlich waren, obwohl weder die Gothik dabei befonders glücklich, noch Effect und Ausführung von befonderer Feinheit. Auch Belgien hatte nur einzelne Gegenstände gefendet, diefe aber mit befonderen künftlerifchen Anfprüchen, daher fie auch in der Kunftausftellung ihren Platz erhalten hatten. Die Fabrikanten waren A. Bourdon de Bruyne in Gent, der ein grofses romanifches Reliquiar in Sargform gefendet, reich emaillirt und mit freien Figuren, und J. Wilmotte fils in Lüttich. Letzterer zeigte ein frühromanifches Crucifix, etwa im Stil von 1100, die Chriftusfigur mit emaillirtem Schurz ganz in der fteifen unvollkommenen Art jener Zeit gehalten, fowie einen frühromanifchen Kelch mit Filigran und niederer Kuppe und noch einige wenige andere Arbeiten.
Genügend zur vollen Ueberficht der Art und Leiftungsfähigkeit des Landes hatte allein auf diefem kirchlichen Gebiete Oefterreich oder vielmehr Wien ausgeftellt.