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Die Goldschmiedekunst : (Arbeiten in Edelmetall und Edelstein) ; (Gruppe VII, Section 1) ; Bericht / von Jakob Falke
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Jakob Falke.

wenn fie irgend einen dritten Gegenftand, eine Blume, einen Blüthenzweig, einen Kranz oder gar ein Thier nachbilden. Wenn fie damit Ziel und Zweck erreichen, fo ift das zufällig. Wir wollen jene Decorationsmotive nicht aus der Juwelier­kunft, nicht von den Edelſteinen verbannen, aber fie müffen einer höheren Abficht untergeordnet werden, und es wird fich daraus ergeben, dafs fie eher ftilifirt und regelmässig zu behandeln find, als mit der Unregelmässigkeit der Naturnach­ahmung, die ohnehin fchwer in dem widerftrebenden eigenartigen Material zu erreichen ift.

Es kommt noch hinzu, dafs die Edelſteine felbft ihrer kryftallinifchen Natur und Geftaltung nach auf eine mehr regelmässige, ftrengere künftlerifche Compofition des Schmuckes hinweifen und dafs auch die Art ihrer Wirkung das Gleiche verlangt. Und diefes letztere gilt ganz insbefondere vom Diamanten. Seine künftlerifche Wirkung befteht, wie fchon angegeben, in dem ewig wech­felnden Lichterfpiel, in dem Aufleuchten und ebenfo rafchen Verfchwinden der farbigen Blitze. Wollte man zu diefer Eigenfchaft auch noch die Zeichnung unruhig und willkürlich halten, fo würde der Effect aufhören, ein Effect der Kunft zu fein; es wäre ein Effect des unbeherrschten Zufalls. Es folgt daraus, dafs man richtiger handelt, die unruhigen, unficheren Strahlen gewiffermafsen in Zwang und Bann zu thun, ihnen beſtimmte Linien, fichere Richtung anzuwei­fen. Und diefs kann nur dadurch gefchehen, dafs man die Zeichnung, die Anord­nung der Steine in gewiffer Regelmässigkeit hält, vor allem aber, indem man den fternartigen Charakter begünftigt und wiederkehren läfst.

Ift das richtig für den Brillantfchmuck an fich, fo gilt es noch insbefon. dere in Bezug auf den Gegenfland, der damit gefchmückt werden foll. Ein fchöner, edler Kopf von regelmässiger Bildung verlangt einen Schmuck von gleicher Art; nur ein folcher, der ebenfalls in edler Form und fchönen Linien gehalten ift, wird ihn wahrhaft zieren, nur ein folcher wird die königliche Figur auch königlich fchmücken. Ein blos hübfcher, pikanter Kopf mit unregelmässigen Zügen enthält fich ohnehin beffer des grofsartigen bedeutungsvollen Schmuckes. Wer Gelegenheit hat, folche Beobachtungen zu machen, wird fich leicht von der Wahrheit überzeugen.

Solcher Art der Compofition entſprachen von allen ausgeftellten Juwelier­arbeiten am meiften( neben einigen italienifchen) diejenigen von E. A. Kö­chert, vor allem jene Brillantgarnitur nach den Zeichnungen von Th. Hanfen. Vielleicht hätten, um die Zeichnung klarer zu machen, was bei Brillanten dop­pelt nothwendig erfcheint, die Linien getrennter, die Oeffnungen noch weiter gehalten werden können. Diefelben Gegenstände waren aufserdem noch in zweierlei Weife gelungen, einmal in der gefchickten Verbindung von Perlen mit Diamanten, andererfeits in der richtigen Anwendung von Thierfiguren, in diefem Falle von Vögeln, ohne damit in den Charakter des Naturalismus zu verfallen und der Unregelmäfsigkeit Vorfchub zu leiften.

Wir zweifeln nicht, dafs diefer Charakter des Edelfteinfchmuckes fich in nächfter Zeit mehr und mehr Bahn brechen wird, zumal er mit der ganzen Art der Reform des Gefchmackes in enger Verbindung fteht. Er wird freilich noch auf manchen Widerftand ftofsen, und zwar bei den Trägerinen felber. So lange unfere Damen ftatt des allein richtigen oder zuläffigen Gehänges fich eine ein­zelne Perle, einen einzelnen Stein an das Ohrläppchen ftecken, als ob er wie ein Pilz daraus hervorgewachfen wäre, fo lange find fie nicht auf der Höhe, um einen wahrhaft fchönen und edlen Schmuck verftehen und fchätzen zu können. Es ift aber zu hoffen, dafs das Gute Mode wird, wenn auch nur auf dem Wege der Neuheit und auf diefe Weife zur Herrfchaft gelangt. Sonft wäre für den Augenblick nicht viel Hoffnung vorhanden.