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Die Goldschmiedekunst : (Arbeiten in Edelmetall und Edelstein) ; (Gruppe VII, Section 1) ; Bericht / von Jakob Falke
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Jakob Falke.

reich ift es auch wohl, welches darin die antiken Motive eingeführt hat, obwohl es felber mag von Italien beeinflufst worden fein. Seine Nachtreter in die­fer Handelswaare find die deutfchen Fabriksftätten, die fich zu gewiffer Viel­feitigkeit der Technik und Feinheit der Arbeit aufgefchwungen haben, in Erfin­dung und Zeichnung aber noch gänzlich unfrei find. Die grofsen Silberarbeiten Deutfchlands dagegen von Berlin, München, Nürnberg find völlig felbft­ftändig in ihrem Kunftcharakter, fehr verfchieden unter fich und doch in gleicher Weife allefammt unabhängig von Frankreich und verfchieden von franzöfifcher Weife. Andere gröfsere Silberarbeiten Deutſchlands, z. B. von Stuttgart, Bremen und anderen Orten, folgen noch dem Naturalismus und üben damit noch eine Weife, die bereits von Frankreich perhorrescirt wird. Ihre gewöhnlichen Gegen­ftände jedoch, Leuchter oder fonftiges Tifch- und Theegeräth, das formell nicht höhere Anfprüche erhebt, bewegt fich in herkömmlichen, abgelebten, zum Theil noch ftark vom Rococo durchwachfenen Formen.

Auch Frankreich hat diefes Genre für feinen Hausgebrauch noch nicht abgeftreift, aber es erfcheint kluger Weife damit nicht mehr auf den Weltaus­ftellungen. In demjenigen, was es der Völkerconcurrenz vor die Augen der Welt bringt, ftrebt es höhere Ziele an, doch fchwankt es dabei in feinen künftlerifchen Richtungen. Es liegt in feiner Art, dafs es nicht blos technifch, fondern auch ftiliftifch abfichtlich nach der Vielfeitigkeit trachtet. Während die gröfseren öfterreichifchen Silberarbeiten entfchieden die Tendenz der Renaiffance zu erkennen gaben, war etwas Aehnliches bei Frankreich nicht der Fall. Die grofse Ausftellung von Chriftofle- einer für viele zeigte zahlreiche, echt franzöfifche Gegenftände im Stil Louis XV. und Louis XVI., manche, die auf die Renaiff ance zurückgingen, viele in antikifirender Art, namentlich mit Benützung des Hildes­heimer Fundes; andere endlich, welche chinefifche, japanefifche und indifche Imitation erkennen liefsen. Gemeinfam war nur allen diefen verfchiedenartigften Stilweifen eine Umwandlung oder Franzöfifirung in höchft modernem Geifte. Der Naturalismus fand allerdings auch noch feine Vertretung in Frankreich, und zwar gerade in den koftbaren Juwelierarbeiten, allerdings nicht in fo brutaler Weife wie in Deutfchland, fondern mit gewiffer franzöfifcher Feinheit und Mäfsigung. Nicht ganz, aber doch nahezu zeigten die Goldfchmiedearbeiten Eng­lands, diejenigen in Metall wie die in Juwelen, diefelbe Vielfeitigkeit wie die Frankreichs, aber während auf die letzteren der franzöfifche Geift ein gemein­fames, wohl erkennbares Cachet gedrückt und fie fo zu feinem wahren Eigenthum gemacht hatte, blieben die englifchen Arbeiten getrennt und unvermittelt in ihrer Vielartigkeit. Man erkannte in der englifchen Ausftellung in den filbernen Tafelauffätzen, im Speife- und Theegefchirr, wie in Gold- und Edelſteinfchmuck den Reichthum des Landes und die Gröfse und den Umfang der Aufgaben, aber es war das Gute neben das Schlechte, das Fremdartigfte neben das Gewöhnliche geftellt, als ob kein Urtheil vorhanden fei über das, was gut oder fchlecht, was nachahmenswürdig oder zu vermeiden fei. Man fah Griechifches, Aegyptifches, Byzantinifches, Franzöfifches, Chinefifches, Japanefifches u. f. w., aber fehr wenig, von dem man fagen konnte: das ift englifch. Die langjährigen reformatorifchen Gefchmacksbeftrebungen in England haben aufserordentlich viel Anregung gewährt, aber wie auf anderen Gebieten, fo auch auf diefem noch keineswegs zur Klärung der Ideen geführt.

Ganz anders ftehen die Dinge in Italien. Trotz der tiefen Verfunkenheit des Gefchmackes, welcher die gebildeten Claffen Italiens anheimgefallen waren, und ganz insbefondere auch die Kirche mit ihrem Bedarf an künftlerifchen und kunftinduftriellen Gegenftänden, trotz alledem hat fich in der italienifchen Induftrie viel gute Kunftarbeit traditionell erhalten, theils durch den Abfatz an die Fremden, theils durch das Schmuckbedürfnifs des Volkes. Beides ift der Goldfchmiedekunft zugute gekommen, hat ihr nicht blos immer einen eigen­thümlichen Charakter bewahrt, fondern hat fich auch als gute Vorbedingung