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Die Goldschmiedekunst : (Arbeiten in Edelmetall und Edelstein) ; (Gruppe VII, Section 1) ; Bericht / von Jakob Falke
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Vergleichende Schlufsbetrachtung.

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für eine Erhebung diefes Kunftzweiges in unferen Tagen erwiefen. So fchlecht daher die italienifchen Silberarbeiten für die Kirche heute find und die welt­

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lichen Gegenftände, die auf der Ausftellung fo gut wie nicht vertreten waren, fcheinen kaum beffer zu feinfo eigenthümliche, fo gute, ja zum Theil aus­gezeichnete Seiten bieten die italienifchen Schmuckarbeiten. In ihnen liegt die Stärke der heutigen italienifchen Goldfchmiedekunft. Sie iſt es, welche zuerft den antiken Schmuck wieder aufgenommen und, während Frankreich nur ein neues Motiv der Mode daraus machte, ihn in aller feiner Schönheit und Feinheit wieder zu erreichen trachtete. Mit diefem Goldfchmuck nimmt Italien vom rein künftlerifchen Staudpunkt aus den erften Platz ein unter allen Concurrenten. Es hat aber aufserdem feine eigenthümlichen Seiten im Filigran, in den gefchnit­tenen Steinen, im Mofaik und in Korallen und feine eigentlichen Juwelierarbeiten ftehen auch mit in erfter Linie.

Auch Rufsland behauptet in der Goldfchmiedekunft eine eigenthüm­liche Stellung. Es will darin national fein, aber in diefem nationalen Charakter wiederum modern. Es will nicht der Mode folgen, fondern feinen eigenen Kunft­ftil haben und mit diefem allen modernen Forderungen genügen. Der Stil, von wirklich nationalen Elementen, die aber der Baukunft angehören, auf die Gold­fchmiedekunft übertragen, ift daher nur ein angenommener, ein künftlich natio­naler. Er ift daher nicht frei von Fehlgriffen, ja er ift verkehrt in feinem Grund­princip, und er mifcht fich mit verfchiedenen anderen Elementen. mit Naturalismus, mit Rococo und Antike. Diefs ift der Charakter der ruffifchen Goldfchmiedekunft und er gilt gleichmässig für die Arbeiten in Silber, Gold und Edelſteinen. Byzan tinifche oder afatifche Elemente find, wenn man von den Arbeiten aus dem Kau­kafus abfieht, fehr wenig erhalten, und wo fie noch vorhanden find, wie in den Silberniellen von Tula, da find fie im Begriff, unter moderner Art zu Grunde zu gehen. Eine Haupteigenthümlichkeit diefer vermeintlich nationalen ruffifchen Goldfchmiedekunft befteht in der reichlichen Verwendung von Email und bei den Schmuckarbeiten von Edelſteinen. Daher bieten diefe ruffifchen Gegenstände durchgängig ein fehr farbiges Aeufsere dar, wozu viel Vergoldung tritt. Das bildet einen Hauptunterfchied von den modernen Silberarbeiten Europa's, bei denen Email und Vergoldung heute verhältnifsmäfsig felten find.

Ganz auf modernem Standpunkt ftehen die kleineren unter den genannten Staaten Europa's, obwohl fie wieder verfchieden unter einander find oder ihre Hauptftärke in verfchiedenen Zweigen liegt. Die Schweiz hat ihre Stärke in den Schmuckgegenftänden von mehr currenter Art und diefe folgen franzöfifchen Vorbildern. Das reiche Holland fchmückt feine Tafel mit Silbergefchirr und auch diefes lehnt fich an die gewöhnliche franzöfifche Art an. Nur Dänemark hat mit vorwiegender Hinneigung zur Antike, die fich ebenfowohl im Schmuck wie im Silbergeräth ausfpricht, einen eigenthümlichen Charakterzug.

Von allen Staaten zeigt Oefterreich am beften und deutlichften den Uebergang, in welchem fich heute der Gefchmack und insbefondere die Gold­fchmiedekunft befindet. Die Reformbeftrebungen unferer Zeit haben vielleicht nirgends fo fefte und fichere Wurzeln gefchlagen, aber man fieht auch deutlich, wie tief und wie weit diefer Einflufs geht. Je mehr Intelligenz herrfcht, je ent­fchiedener ift der Einfluss, je gelungener find die Refultate. Es ift in der That eine Reform der Intelligenz, die von oben nach unten geht. Die Spitzen find davon ergriffen, die grofse Menge noch nicht. Es muss das Licht, wie die Morgen­fonne, von den Höhen in die Thäler und auf die Flächen herabfteigen, mufs fie erleuchten und erwärmen.

Die Ausftellung Oefterreichs in der Goldfchmiedekunft betheiligte fich an allen drei Zweigen, die wir befprochen haben, quantitativ vielleicht gleichmässig, aber qualitativ in fehr ungleicher Weife. Im Allgemeinen gemeffen, ftand der gewöhnliche currente Goldfchmuck weit hinter den beiden anderen Zweigen, den Silberarbeiten und dem Juwelenfchmuck, zurück. Damit foll aber nicht gefagt