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Bautischlerei (Gruppe VIII, Section 1) : Bericht ; Möbel-Tischlerarbeiten (Gruppe VIII, Section 2) : Bericht ; Kork- und Korbflechter-Waaren (Gruppe VIII, Section 4 und 5) : Bericht / von Wilhelm Flattich / von Bernhard Ludwig / von Carl Kohn
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Bautifchlerei.

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als möglich unfichtbar zu machen, was durch Einſtemmen und Einlaffen gefchieht, verwirft man insbefondere in Frankreich diefes Syftem, fucht Einftemmungen und Schwächungen der Holztheile thunlichft zu vermeiden, indem die Schlofferarbeiten. fichtbar gelaffen werden.

Die Nachtheile des franzöfifchen Syftems beftehen darin, dafs ftets beide Fenfterflügel geöffnet werden müffen, und dafs das Sichtbarlaffen der Schlöffer und Riegel an den Thüren, felbft wenn fie künftlerifche Formen erhalten, als nur aufgefchraubte Theile nicht immer in organifchen Zufammenhang mit der Thüre felbft gebracht werden können.

Die verfchiedenen bisher angewendeten Conftructionen, welche fich auch in der Ausftellung vorfanden, find:

Das in Oefterreich übliche Doppelfenfter, das franzöfifche Fenfter und das Schiebfenfter, welches hauptfächlich in England in Anwendung kommt. In Oefterreich ift bis auf die neuefte Zeit ein Doppelfenfter- Syftem zur Anwendung gekommen, deffen äufsere Fenfterflügel fich nach aufsen öffnen. Diefer Anlage kann der grofse Vortheil des wirklich beften Verfchluffes gegen Wetter und der grofsen Einfachheit der Conftruction, welche mit verhältnifs­mäfsig geringen Koften herzuftellen ift, nicht abgefprochen werden; fie hat indeffen den Nachtheil, dafs die Architektur der Façaden durch das Wegfallen der Fenfterleibungen nothleidet, dafs die Scheiben der nach aufsen geöffneten Flügel durch Sturm leicht zerbrochen werden und die oberen Holztheile durch die Witterung nothleiden. In neuerer Zeit hat man in Wien diefes Syſtem ver­laffen, und fich der Schönheit halber auf den gefahrvolleren Weg der Ver­fchliefsung der Oeffnungen mittelft zweier nach innen aufgehender Fenſter begeben, obwohl fich nicht leugnen läfst, dafs, ungeachtet aller angewendeter Hilfsconftructionen, befonders auf der Wafferfeite, Fenfter, welche nach innen aufgehen, wenn nicht ganz ausgezeichnete Arbeit geliefert wird, felten dicht fchliefsen. Die franzöfifchen Anlagen bieten in folchen Fällen mehr Sicherheit, weil der Efpagnolett- Stangenverfchlufs die Flügel an den Stellen des Ueber­greifens zufammenprefst. Diefer Vortheil und die fabriksmäfsige Erzeugung von guten Schlofferarbeiten nach dem franzöfifchen Syfteme haben demfelben in Deutſchland, wo noch vielfach einfache Fenfter in Anwendung kommen, Ein­gang verfchafft, wodurch es möglich wurde, eine nicht unbedeutende Menge franzöfifcher Schlofferwaaren in Deutfchland abzufetzen.

Schiebfenfter, wie fie in England angewendet werden, rechtfertigen fich durch die in jenem Lande üblichen dünnen Mauern. Der Nachtheil diefer Anlage befteht in dem fchlechten Verfchlufie gegen das Eindringen der Kälte in dem unangenehmen Schlottern der Flügel in Folge des Anprallens des Sturmwindes, welches nur bei ganz exacter Conftruction in Verbindung mit theuren Eifenconftructionen aufgehoben werden kann.

Eine einheitliche Fenfterconftruction, wie fie in Frankreich befteht, hat den grofsen Vortheil, dafs die Induftrie der Schlofferwaaren gehoben wird.

Zum Verfchluffe der Fenfteröffnungen gehören nicht nur die Fenfter­flügel, fondern auch jene Einrichtungen, welche zur Abhaltung der Sonne, zur Ventilation und zum ficheren Verfchluffe der Räume nöthig find; hiedurch ent­ftehen fo vielfeitige Anforderungen, dafs die Löfung des Problems unendlich erfchwert ift.

Eine fo günftige Beurtheilung die franzöfifche Fenfteranlage mit dem Efpagnolett- Stangenverfchlufs auch findet, fo bleibt ihr doch der Nachtheil, dafs die Efpagnolettftangen bei Anwendung von Doppelfenftern die Bewegung der, in der Regel zwifchen beiden Fenſtern eingefetzten Rouleaux hinderlich ift, während anderfeits die Jaloufien, welche in Frankreich aufsen angebracht werden, grofse Unbequemlichkeiten nach fich ziehen.

Im Princip dürfte das in Oefterreich übliche Doppelfenfter- Syftem, welches in neuerer Zeit fich feinen Weg felbft bis in die füdlichen Theile Italiens gebahnt