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Die Thonwaaren-Industrie (Gruppe IX, Section 2) : Bericht / von Emil Teirich
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Dr. Emil Teirich.

Porzellan anzuwenden, fcheiterten theilweife wenigftens an dem hiebei noth­wendigen zu paftofen Auftrag, den das weiche Porzellan nicht erheifchen würde. Nicht zu verkennen ift das eifrige Streben des dermaligen Directors Schaufel­berger, eines Schweizers, theils ftilvollere Mufter einzuführen, theils die tech nifchen Verfahrungsweifen auszubilden, wozu ja der Grund feit Langem gelegt ift. Erwähnt mag hier fein, dafs die Fabrik zum Theile nur ruffifchen Thon und zwar aus Gluchow verarbeitet. Spath und Quarz bezieht fie aus Finnland, mehr als die Hälfte ihres Kaolins ift engliſcher Thon, welcher auch feiner Billigkeit wegen dem heimifchen Producte vorgezogen wird. Sehr intereffant und reich­haltig war die prächtige Collection von Glaspaften und Emails des Chemikers der Fabriken des bekannten L. Bonafede.

Die kaiferlich ruffifchen Fabriken wurden mit dem Ehrendiplom aus­gezeichnet. Die gleiche Anerkennung wurde zudem den Fabriken von Berlin und Meifsen zu Theil. Die beiden Hauptausftellungen des deutfchen Reiches haben uns jedoch ziemlich kalt gelaffen und nicht fo recht erfreut, als wir gehofft. Namentlich den Leiftungen der Engländer und Franzofen ftehen die deutfchen Fabricate mit ihrer entfchiedenen Nüchternheit in Form und Farbengebung, wie fie ja überhaupt der norddeutfchen Kunft in allen ihren Zweigen anhaftet, ganz entfchieden zurück. Die königliche Porzellanmanufactur in Berlin, der wir die werthvollen Verfuche über die Einführung des continuirlichen Mentheim'fchen Gasofens in die Porzellantechnik verdanken, ift überhaupt thätig, gelegentlich ihrer Ueberfiedelung in den Neubau zu Charlottenburg fich mit allen modernen technifchen Hilfsmitteln zu verfehen. Hoffen wir eine recht gute Anwendung derfelben.

Namentlich die Malerei leidet hier an grofsen Härten und ift ftellenweife zu tief gehalten. An allen Objecten vermiffen wir den rechten Schwung und Geift, ftets verliert fich die Ausführung in eine Miniaturmalerei, die ängftlich pinfelnd über dem Detail das Ganze der Compofition vergifst. Eine eigenthümliche Düftere charakterifirt die meift tief in der Farbe gehaltenen Gemälde. Einige, fonft ganz prächtige Vafen eine gelungene Tifchplatte von Loofchen wären wir geneigt hervorzuheben.

Das Porzellan felbft hat an feiner alten Vorzüglichkeit nichts eingebüfst. Das fchon gelegentlich erwähnte Service für den König von Baiern, im Stile Louis XII., zeigt diefs. Dasfelbe ift mit aller Feinheit in flachem Relief modellirt, und harrt erft noch feiner farbigen Decoration. Wieder brachte die Fabrik die grofse ovale, bei vier Fufs lange Jardeniere in trefflichem weifsen Bisquit ,, das Werk der gewandten Modelleure Mantel und Fack, die uns von der Londoner Ausftellung im Jahre 1871 her noch in gutem Gedächtniffe fteht, wie denn über­haupt manches fchon Gefehene neuerdings vorgeführt wurde. Ein Grund zur Entfchuldigung eines folchen Vorganges, den wir übrigens bei fehr vielen anderen Etabliffements zu beobachten Gelegenheit fanden, mag in der fchon Eingangs erwähnten Ueberfiedlung der Fabrik in ihr neues Gebäude am Thiergarten zu finden fein.

Die königlich fächfifche Porzellanmanufactur in Meifsen hat vor der Berliner Manches voraus. Schon das Fefthalten an den alten Modellen und der ganzen, allerdings etwas matten Technik des Vieux Saxe, diefes fich felbft copiren, verhindert ein zu empfindliches Abweichen vom richtigen Wege.

Dafs diefer Stil der Renaiffance, in folcher Weife in der Porzellaninduftrie verwendet, nicht am rechten Platze ift, braucht wohl kaum wiederholt zu werden. Die koloffalen Vafen und Candelaber, nach Zeichnungen des verftorbenen Architekten Widmann, die Ahasverus der Weltausftellungen, fanden fich wieder ein. Eine Unzahl von Figürchen und genrehaft ausgeführten Sächelchen erinnert an die alte Zeit und es mag wohl auch ein ökonomifches Intereffe mitfpielen, wenn nach diefen alten Modellen die beim Publicum aber immer noch beliebten