Die Thonwaaren- Induftrie.
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nie gefehen wurde, verdanken wir den Bemühungen des öfterreichifchen Generalconfuls G. Ritter von Overbeck in Hongkong, der fich der recht mühevollen Aufgabe unterzog, durch Beiträge aus feinen eigenen reichhaltigen Sammlungen und jenen feiner Freunde ein recht lebendiges, wenn auch vielleicht hie und da noch immer lückenhaftes Bild der, modernen Induftrie Chinas zu geben. Wir haben bei mehreren Gelegenheiten bereits unfere Anficht über den chinefifchen und japanefifchen Stil in der Porzellandecoration ausgefprochen. Ein Blick auf die bauchigen, meift ziemlich plump modellirten und flüchtig bemalten Gefäfse aus China illuftrirte das Gefagte. So fehr beiſpielsweife die europäifche und moderne textile Kunft ihre Motive und beften Impulfe der FlächenDecorationsweife des Orientes zu entnehmen vermag, ebenfo fehr müffen wir bemüht fein, die, mit dem Porzellan als folchem gleichzeitig mit importirte chinefifche Stilrichtung aus ihrem lange ufurpirten Sitze wieder zu verdrängen. Im Wefentlichen hat fich die ganze Erfcheinung des modernen chinefifchen Porzellans gegenüber den alten Arbeiten kaum geändert. Die althergebrachten, traditionellen Formen und Decorationsweifen, welche fich in gewiffen Familien vererben und dadurch Jahrhunderte lang ſtationär bleiben, wiederholen fich auch heute noch, zum Theile nur angekränkelt durch die Sucht, ftets neue und durch das Bizarre des Gedankens überrafchende, und darum beliebte und gut bezahlte Exportwaare zu fchaffen.
In der Collection des Erzbifchofs Gray fanden fich zumeift folche alte chinefifche Porzellane, mitunter von ganz befonderer Gröfse mit figuralen oder Blumenmalereien bedeckt, meift blau auf weifs, aber auch bunt decorirt.
Im Allgemeinen find die Farbenfcalen, wenn auch jetzt nicht reichhaltiger als früher, fo doch jedenfalls der gröfseren Reinheit der angewandten Farben wegen brillanter. Am auffälligften ift diefs am Kobalt zu beobachten, deffen geringeres Feuer an altchinefifchen Vafen oft zum Kriterium, und meift dem einzigen neben den darauf mitunter vorkommenden Infchriften, eben ihres Alters wird. Ift es an und für fich fchon fchwierig, fich in der noch wenig von fachmännifcher Seite durchftudirten chine fifchen Poteriekunft in ihren vielfältigen Erfcheinungen zu recht zu finden, fo wird diefs wefentlich erfchwert durch die befondere Gefchicklichkeit der Chinefen in der abfolut getreuen Imitation ihrer Antiquitäten, meift berechnet auf Täufchung europäiſcher Käufer.
Heute noch tragen die modernen chinefifchen Porzellandecorationen diefelbe Symbolik der Farbe an fich, die dem Befitzer den Dienft, dem das Gefäfs gewidmet ift, oder den Ort der Erzeugung herauszulefen geftattet. Eine genaue Kenntnifs der Metaphyfik der Chinefen würde dazu gehören, fich völlig in den verfchiedenen, wir wollen nicht fagen Stilarten, aber traditionellen Gefchmacks richtungen zurechtzufinden und eine richtige Claffirung der Porzellane einzelner Culturepochen und Provenienzen vorzunehmen. Diefe grofse Arbeit ift bisher nur äufserft lückenhaft gefchehen. Zum Glück ist es häufige Gewohn heit der chinefifchen Töpfer von jeher gewefen, ihre Gefäfse mit Schriftzeichen zu verfehen. Diefe, fowie die Form und Farbengebung dienen zu Kennzeichen der regierenden Dynaftien und damit der Stilepochen in diefer Induſtrie.
Im grofsen Ganzen ift der Charakter der chinefifchen Gefäfse durch ihren Mangel an Profilirung beftimmt. Gewöhnlich ift die Form derfelben vafenförmig
und erfcheint die Oberfläche in keiner Weife untertheilt. Der Malerei bietet diefer Umftand einerfeits die gröfste Freiheit, denn nirgends wird fie gewiffermafsen räumlich befchränkt, andererfeits aber, da jede Flächeneintheilung fehlt, wird die Anbringung eines ftilvollen, ja felbft eines auch nur fymmetrifchen Ornamentes wefentlich erfchwert. Wir finden demnach auch als ein Charakteriftikon der chinefifchen Ornamentation einen völligen Mangel an Symmetrie, eine einfeitige Anordnung des Deffins, ja eine fcheinbar vollkommene Sorglofigkeit des ausführenden Künftlers bei Wahl des Platzes für feine Decoration auf dem ihm zu Gebote ftehenden Raume. Unleugbar fchädigt diefs den Effect der ganzen Malerei
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