Die Thonwaaren- Induftrie.
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Rand die beiden Gefäfse fich tangiren. Beim Brande fchmelzen diefe an den Berührungsflächen zufammen, bilden einen Körper, und ein reizender und überrafchender Effect ift mit diefem fogenannten travail réticulé erzielt.
Die zum Ausformen verwendeten Modellformen find nicht wie bei uns aus Gyps, fondern aus, an der Sonne getrocknetem, Thon gefertigt. Um fo wunderbarer ift uns die Präcifion und Schärfe, mit der die Profilirung oder das Relief erfcheint, da nur wenig später retouchirt wird.
Die Glafur und die Farben werden faft ausnahmslos in einem einzigen Feuer eingebrannt. Die alten Farben beftanden faft lediglich aus gepulverten Mineralien, heutzutage arbeitet der fortgefchrittene chinefifche Porzellanmaler auch fchon mit chemifchen Präparaten, meift englifchen Importartikeln.
Während einerfeits das Streben der Fabrikanten dahin gipfelt, eine möglichft gut verbundene, haarriffefreie Glafur zu erzielen, denkt fchon der andere feit Langem an die Erzeugung des Craquelé, des künftlich mit mehr oder weniger dichten Riffen verfehenen Glafurüberzuges, von dem namentlich einige fehr gut gelungene, weil fehr regelmässig gefprungene Proben an grofsen Vafen ausgeftellt
waren.
Diefe ganz feine Sprenkelung der Oberfläche, welche an die Zeichnung der Haut der Forelle erinnert( darum truité genannt), war von jeher eine beliebte Curiofität und ein Gegenftad der europäiſchen Imitationsfucht. Bekanntlich hat Sevres, Minton, Worceſter und Andere die Technik diefes Craquelé längft aufgefunden und auf der Ausftellung in fchönen Muftern gezeigt.
Aus Kivonkia fandte Kopfa, der Commiffär der Duane, neben eigenen alten und neuen Hausgeräthen, auch Vafen, worunter fchöne, grauliche Craquelés von befonderer Gröfse( 4% Fufs Höhe) bemerkt zu werden verdienen.
Durch Einreiben mit einer braunen, mehr oder minder dunkeln Farbmaffe und nachheriges Verglühen wird das Craquelé, namentlich an einigen chine fifchen Stücken, fehr ftark prononcirt.
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Auch von dem berühmten travail au grain de riz" fah man Einiges unter den alten chinefifchen Arbeiten. Das Ornament, meift Blumen, wird vertieft in eine Porzellanplatte eingedrückt, und mit einer weifsen oder färbigen Glafurmaffe überzogen, die fich in den Vertiefungen verdichtet; eine Technik, die, wie wir fahen, bei Minton Hollins beifpielsweife zur Plattendecoration gebraucht wird. Ueberhaupt dürfte keine der modernen Decorationsweifen in der Porzellan- und Fayence- Induftrie Europas exiftiren, zu der nicht eine chinefifche Ausführung den erften Impuls gegeben hätte. An Pohin g's Gartenftühlen und grofsen Vafen finden wir den feladongrünen Grund, auf dem mit paftofem Auftrag ein weiſses Ornament plaftifch, faft mit dem Pinfel modellirt erfcheint. Wir ftehen vor denjenigen Arbeiten, die zur berühmten Pâte sur- pâte- Technik den erften Anlafs gaben. Pohing's Ausftellung gibt ein inftructives Bild der modernen chinefifchen Porzellantechnik, wie fie für den europäiſchen Markt arbeitet; runde, viereckige oder fechseckige Vafen, bunte Figuren, Gartenfitze und Kübel, Blumengefchirre und Service in buntefter Abwechslung finden wir in deffen Schaukaften.
Zum erften Male treffen wir hier auf einer chinefifchen Ausftellung überhaupt auch die Namen einiger Fabrikanten. So brachte Jiit- ching Vafen mit Cloifonnédecoration, gut in Farbe und befferem Gefchmack, und Hsii aus Hankow, modernes Gefchirr für den Hausgebrauch, darunter Taffen und Schüffeln mit Korallenfchmuck, kleinen und grofsen Vafen, Craqueléwaare u. f. f.
Sehr bemerkenswerth und von befonders fchöner Wirkung find die fogenannten Maroonvafen. Der weifse Körper derfelben ift über und über mit einer dicken, leicht flüffigen dunkel purpurro then Glafurmaffe überzogen, in der fich blaue Flimmer, ähnlich dem Aventurin ausgefchieden haben. Eine ähnliche Maffe, die wir unter den neueften Glaspaften der Verrerie imperiale de St. Petersbourg fanden, rührt von L. Bonafede, dem Director und Chemiker der kaiferlich ruffifchen Fabrik her.
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