Kathedralglas.
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Später, um 1860, begann Dr. Salviati in Venedig ähnliches Farbenglas herzuftellen und erreichte, wie wir auch auf der Ausstellung zu fehen Gelegenheit hatten, mit feinen„ Butzenfcheiben" fehr befriedigende Reſultate.
Wie Dr. Jele weiters erwähnt, verfuchten es Chance Brothers in Birmingham und Wifthoff& Comp. in Königsfteele bei Efsen in Preufsen derlei unebene ( eigentlich mit rauher, körniger, nicht ſpiegelnder Fläche verfehene) Tafeln mittelft Giefsens zu erzeugen; andere ftreckten die geblafenen Tafeln auf einen durch Aufftreuen von Gyps oder Sand uneben gemachten Streckziegel. Wir fahen derlei Mufter auch in der belgifchen Abtheilung von Andris- Lambert& Co. in Marchienne au pont, J. De Dorlodot& Co. in Lodelinsart und A. Tagniart in La Louvière, ferner als gegoffen bezeichnete von bedeutender Gröfse und eigentlich von zu grofser Gleichmässigkeit und Schönheit der Arbeit, von Wifthoff im deutfchen Annexe.
Da derlei Glas meift nur für Kirchenfenfter gebraucht wird, nennt man dasfelbe in neuerer Zeit„ Cathedralglas". Es fabriksmäfsig, d. i. in grofsen Mengen zu erzeugen, dürfte bei dem immerhin befchränkten Bedarfe nicht ausführbar oder mindeſtens nicht lohnend fein. Um fo beachtenswerther bleibt daher ein Unternehmen, das vor einem Jahrzehnt von C. Neuhaufer in Innsbruck gegründet wurde und fammt der Glasmalerei, mit der es vom Beginne in engfter Verbindung ftand, fich zu einer in weiteften Kreifen gewürdigten Kunftanftalt erhob, nämlich die„ Tiroler Glasmalerei und Cathedralglas- Erzeugung zu Innsbruck."
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Man macht dort keine gewöhnlichen Farbentafeln, fondern nur Cathedralglas und zwar gegenwärtig in fo vielen Farbentönen und Verfchiedenheiten, dafs man diefelben in circa 700 Nummern claffificirt. Es werden nur geblafene Tafeln von geringer Dimenfion angefertigt, die man nach gewöhnlichen Begriffen möglichft unfchön, nämlich blafig, unklar, ungleich in der Dicke etc. zu erzielen ftrebt, indem man durch Einblafen in eigene Formen, unregelmässiges Auftreiben etc. fich der primitiven Technik des Mittelalters thunlichft zu nähern, möglichft gleich unvollkommene Producte zu erreichen fucht, wie diefs dem Zwecke zumeift entſpricht.
Das Etabliffement hatte die reiche Sammlung feiner Farbmuster in dem Pavillon für Glasmalerei jenfeits des Heuftadelwaffers ausgeftellt, an welchem etwas abgelegenen Orte diefelbe leider nicht die verdiente Beachtung fand.
Es ift fomit in Innsbruck ein Inftitut gefchaffen, das in feiner Art einzig daftehen dürfte, und von dem auch ficher zu hoffen ift, dafs dasfelbe feine erlangte Bedeutung immer mehr erhöhen wird.
Ich erwähne hier zum Schluffe noch eines ziemlich neuen Inftrumentes zum Schneiden des Tafelglafes, welches Werkzeug Jofef Légrády in Ottakring bei Wien nebft vorzüglichen echten Schneide diamanten in verfchiedenfter Faffung zur Ausftellung brachte.
Jenes ift ein kaum linfengrofses Rädchen aus fehr hartem Stahl, das in geeigneter Faffung befonders dem Laien das fichere Schneiden gewöhnlicher, wie dickerer, felbft zolldicker Tafeln ungemein erleichtert. Da fie weniger dauerhaft find als der Diamant, wird der Glafer wohl immer diefen vorziehen, wenn letzterer auch beim Gebrauche eine ungleich ficherere Hand erfordert.
Aehnliche ftählerne Schneidwerkzeuge wurden fchon 1869 von J. P. Monge in Philadelphia erzeugt, und haben, da fie fehr billig kommen, bereits grofse Verbreitung gefunden.