Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder.
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Cartonnagen.
Diefes Gewerbsartikels hat feiner Niedlichkeit und netten, reinlichen Fabrikationsweife wegen theilweife der Dilettantismus fich bemächtigt und nicht felten befaffen fich zarte Damen und galante Herren in ihren Mufseftunden mit der amüfanten Herftellung zierlicher Bonbonnièren und Nippesgegenstände, fich felbft zum Vergnügen und für Freunde und Bekannte zur froh begrüfsten Spende. Doch auch dem Gewerbfleifse liefert diefer zartefte Zweig vom Stamme der Buchbinderei eine reiche Einnahmsquelle, befonders in der jetzigen Zeit, wo mit dem allfeitigen Raffinement auch dem Luxus ein weites Feld offen fteht. Wohl keine Arbeit erheifcht mehr Gefchmack und Eleganz, als eben die Cartonnage- Arbeit und fo behaupten auch in diefer die Franzofen den erften Rang. In Paris befchäftigt diefer Gewerbezweig über 2500 Arbeiter, welche bei 400 Fabrikanten in permanenter Verwendung ftehen und der Totalertrag der diefsfälligen Erzeugniffe läfst fich mit mehr als 10 Millionen Francs jährlich beziffern. Der Franzofe verfteht die Kunft, den geringften Artikel durch Verleihung einer höchft gefchmackvollen Umhüllung leicht verkäuflich zu machen.
Paris verfertigt Bonbonnièren im Preife von 10 Francs bis 100 Francs per Stück in Maffen und es ift durchaus nichts Seltenes, dafs Cartons zu diefen Zwecken mit 2000 Francs bezahlt werden. Die verfchiedenen Artikel von CartonnageArbeiten, welche Paris vorzugsweife liefert, aufzuzählen, wäre faft unmöglich, wir begnügen uns, die befonders brauchbaren und daher gefuchten zu erwähnen.
Paris liefert die fogenannten Cartons de Bureaux und Cartons de Magafins; erftere, zur Aufbewahrung und Eintheilung von Acten, Correfpondenzen und dergl. dienend, find dem Bureau- und Kanzleibeamten unentbehrlich. Diefe Cartons werden meift mit grünem Papier bekleidet und haben Abfalldeckel, wohl auch mehrere Fächer. Letztere werden in den Verkaufsläden zur Aufbewahrung von Weifswaaren, Cravaten, Tüchern u. f. w. verwendet, find äufserft praktiſch und fehr nett gearbeitet. Es ift unbegreiflich, dafs derlei Cartons in Oefterreich bisher keine Nachahmung fanden; die hier üblichen ftehen in Bezug auf ihre äufsere Erfcheinung unendlich nach. Eine andere Sorte von Cartons zur Verpackung von Kunftblumen, Seide, Sammt und dergl. findet in Paris ebenfalls grofsen Abfatz. Zu den nützlichften und daher meift begehrten Artikeln diefer Art zählen die Cartonnagen für Apotheken, Oblatenfabrikanten etc. etc. In zahllofen Formen und höchft gefchmackvoller Ausführung finden wir die Hüllen für Chocolade, Bonbons, Parfumerien und Schmuck waaren.
Zu bedauern ift, dafs wir nicht Gelegenheit hatten, die Grofsartigkeit der franzöfifchen Leiftung in diefem Gefchäftszweige in mehreren gröfseren Collectionen kennen zu lernen. Die bedeutendften franzöfifchen Firmen diefer Branche haben nicht ausgeftellt und nur Chevalier& Comp. in Paris lieferten fehr gediegene Arbeiten. Es gelang diefer Firma auch vollkommen, zu beweifen, was Frankreich in diefem Fache zu leiften vermag. Die von ihr exponirten Körbchen, Bonbonnièren etc. machten verdienterweife Senfation; befonders fchön find die Etuis in Form von rohen Baumftämmen, die der Natur getreu en miniature reizend nachgebildet find.
England war in diefem Fache nicht vertreten, obwohl es in demfelben feit mehreren Jahren namhafte Fortfchritte gemacht haben foll.
Umfo zahlreicher waren die Vertreter Oefterreichs. Dafs Wien aber hinfichtlich der Fabrikation von feinften Cartonnagen weit zurück ift, ift bekannt. Man fchenkt eben dem Artikel zu wenig Aufmerkſamkeit. Das zeigte fich deutlich bei der