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Louis Jakoby.
durch die ganze Zeit des Mittelalters, bis fie fich in der Mitte des 15. Jahrhunderts gleichzeitig die Verbreitung und Vervielfältigung von Kunftwerken zur Aufgabe macht, indem der Künftler durch Ausfüllen feiner Arbeit mit Farbe und das Abdrucken auf Papier fie felbft vervielfachte. Diefe Abdrücke werden von uns gemeiniglich jetzt„ Stich" genannt und dienen feitdem zur Verfchönerung und Belebung unferer Wohnungen nicht allein, fie wurden uns Allen ein gewünſchtes Surrogat, das Schönfte und Befte, was die Kunft gefchaffen, in künftlerifch anderer Form unfer Eigen nennen zu können.
Als die Kunft fich in Künfte verzweigte, der Architekt nur Architekt, der Maler nur Maler wurde und jeder Zweig herrifch feine eigne Ausbildung verlangte, da fing auch der Stich an, in der Anwendung vielfacher Mittel eine reichhaltige Entwicklung zu erfahren. Die Arbeiten von Malern und anderen nicht fpeciell in diefem Fach ausgebildeten Künftlern wurden immer feltener, die mechanifche Wiedergabe im Druck aber ganz anderen Händen überlaffen.
So wurde der Kupferftich durch Jahrhunderte das ausfchliefsliche Mittel, Kunftwerke und künftlerifche Ideen taufendfach zu verbreiten.
Wie alle anderen Künfte machte auch der Stich denfelben Weg vom erften unbefangenen Wollen, dem vollendetften Können bis zum hohlen Virtuofenthum und blofsen Handwerk durch.
Ungefähr 50 Jahre nach dem Erfcheinen der erften gedruckten Stiche beginnt in der Schule Rafael's die felbftftändige Entwicklung durch Marc Anton. Das Vorbild des Letzteren, Albrecht Dürer, trachtete, mit dem Grabftichel zeichnend, nur feine Gedanken im Bilde zu vervielfältigen. Marc Anton, Rafael's Gedanken wiedergebend und fo des Taftens überhoben, vereinfachte die Weife und fing an, die Form plaftifch mit der Linie auszudrücken. Wenn Rafael bei der Vervielfältigung feiner Werke es paffender und bequemer gefunden, diefs durch Marc Anton machen zu laffen, fo ift diefe natürlichfte künftlerifche Empfindungsweife, fich auf und mit fremdem Material nicht wiederholen zu brauchen, noch bis heute der Grund, dafs die Arbeiten des Kupferftiches in ihrer bei Weitem gröfsten Zahl zweifache Schöpfungen find.
Es war wohl zu natürlich, dafs die nach und nach wunderbar ausgebildete Technik des Grabftichels Maler und andere Künftler abfchrecken musste, fich feiner wie ehedem zu bedienen. Um fo bequemer war es, mit der Nadel auf der mit Firnifs überzogenen Kupferplatte zu zeichnen und die fo entftandene Zeichnung durch Scheidewaffer in das Kupfer vertiefen zu laffen. Faft in derfelben Zeit des XVII. Jahrhundertes, als der Stich in den Niederlanden und Frankreich feine höchfte Ausbildung erfuhr, feierten die fo entstandenen Kunftwerke in den wunderbaren Radirungen Rembrandt's ihre höchften Triumphe. Die willigere Radirnadel blieb im Gegenfatze zum Grabftichel, deffen Handhabung erft langwierige Studien vorausfetzt, das Werkzeug, mit dem auch in unferen Tagen noch der Maler es vorzieht, feine Werke felber zu vervielfältigen.
Viele Kupferftecher benutzten die Radirnadel zu Vor- und Hilfsarbeiten. bei ihren Stichen, fo dafs es fchwer wird, die Trennung beider Weifen erkennen zu können. Verfuchten fie auch fchon vor G. F. Schmidt bis auf unfere Zeit die reizvollen Werke Rembrandt's neu erftehen zu machen, die gröfsere ruhigere Form ftiliftifcher Malerei hat fie ftets wieder zum Grabftichel greifen laffen.
Um die Mitte desfelben XVII. Jahrhunderts bereicherte die Erfindung der Schab- oder Schwarzkunft die Weifen, Kunftwerke drucken zu können. Sie war die Negation des Schaffens, indem das Kunftwerk indirect aus dem Schwarz, in das die Platte durch feine Inftrumente gleichmässig verfenkt war, herausgelichtet wurde. Die Engländer und unter ihnen in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts Earlom, haben fich am meiften hierin hervorgethan.
Die Anforderungen an den Stich, und durch die Verbreiterung der Bildung der Confum, wurden immer gröfser, fo dafs die Speculation, um mehr Abdrücke zu erzielen, Anfang diefes Jahrhunderts darauf verfiel, ftatt der Kupfer Stahl