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Die Motoren : (Gruppe XIII, Section 1) ; Bericht / von J. F. Radinger, Prof. der k.k. techn. Hochschule in Wien
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J. F. Radinger.

im zweiten Falle der ganze Ueberdruck vom Kolben auf die Kurbel durch die Verbindungsftange überkommt. Diefe Stangen ſtehen daher unter einem dauern. den Zug und der Mangel jedes Druckwechfels macht deren Gang weich und hält den ganzen Mechanismus von Stöfsen auch dann noch frei, wenn fich felbft die Gelenkflächen durch ftarke Abnützung erweitern.

Diefe gelungene Anordnung macht die Mafchine für fchnellen Gang beffer geeignet als irgend eine andere mit hin- und hergehender Conftruction. Aller­dings finden fich hier diefelben von Ueberdruck und bewegter Maffe abhängigen ,, Grenzen der Kolbengefchwindigkeit" in genau fo theoretisch feftem Zufammen­hang wie anderwärts; aber da die zu bewegenden, das ist zu befchleunigenden Maffen in minimaler Gröfse hier auftreten, wo Geradführung, Kolbenftange und Kreuzkopf entfallen, fo rückt die Gefchwindigkeitsgrenze fchor rechnungsmässig höher und die praktifche Grenze kann fich ihr mehr nähern als fonft, wo die wechſelnde Kraftrichtung beim kleinften todten Spielraum im Geftänge der Gefchwindigkeit durch Vibrationen und Stöfse eine vorzeitige Grenze zieht

Allerdings war in den Ausftellungsmaschinen die Gefchwindigkeit noch mäfsig und überfchritt nur wenig 15 Meter per Secunde, was aber gar nicht fehr zu verwundern ift, wenn man bedenkt, dafs diefe Maſchinen auf fehr kurzem Hub( kleiner als die Durchmeffer) und für einen Maximal- Dampfdruck von 22­Atmoſphären gebaut waren. Die ausgeftellte Mafchine foll dabei 35 indicirte Pferdeftärken leiften, hatte 230 Millimeter Bohrung, 203 Millimeter Hub und machte 225 Umdrehungen per Minute normal. Eine kleine Mafchine, welche den Schaber eines Economifers trieb, arbeitete aber mit 600 und verfuchsweife auch mit 1000 Touren per Minute. Bei hoher Spanung und längerem Hub kann diefes Syftem Gefchwindigkeit zulaffen, an welche man heute noch gar nicht denkt.

Ein weiterer Vortheil diefer Mafchine ift der Entfall der todten Punkte und der relativ gleichförmige Gang. Sie kann von jedem Punkte angehen, weil ftets mindeftens ein Kolben am Hube fteht, und das Schwungrad bleibt klein nicht nur der fchnellen Drehung halber, fondern auch wegen der gleichmäfsig wirkenden Kraft.

Diefs alles macht die Mafchine leicht und billig im Anfchaffungspreife. Die indicirt 35pferdige Ausstellungsmaschine kommt auf 125 Pfund Sterling und eine Mafchine von 124 Pferden auf 275 Pfund Sterling, was Preife find, welche bis heute fremd waren und diefem Syftem fofort die allgemeine Verwendung bahnen müfften, wenn nicht andere fchwere Nachtheile an ihm hingen.

Einer der gröfsten Nachtheile dürfte das rafche Auslaufen der Cylinder und die baldige Abnützung der Kolben fein, welche keine andere Führung als­ihre eigene Breite befitzen. Die Zugftangen find kurz und erhielten nur die 21­bis 3fache Kurbellänge für fich und da fie ftets gezogen find, fo wechfelt ihr Geradführungs- Druck von einer zur andern Seite. Bei der geringften Ausnützung wippt dann der Kolben bei jedem Hub und befchleunigt feinen Verderb. Dabei werden Dampfverlufte eintreten, welche bei den 12 im Mittel arbeitenden Kolben weitaus bedeutender find als in einer normalen Mafchine.

Bei halbwegs fchlechtem Waffer wird die Stein- und Schlammablagerung auch die Zapfen fchädigen, welche fämmtlich vom frifchen, wenn auch geölten Dampf umgeben arbeiten, und nicht wie fonft überwacht und gereinigt werden können.

Vorläufig wenigftens entbehrt die Mafchine der variablen Expanfion und befitzt fchädliche Räume von mehr als drei- und vielleicht vierfacher Gröfse als fich fonft ergeben. Diefe werden dabei aber noch fo vielmal öfter gefüllt und ihr Dampf geht fo vielmal öfter verloren.

Wie fich nun all diefe Verhältniffe thatfächlich ftellen, wie fich Cylinder und Kolben, der lange weitaufsen angegriffene Kurbelzapfen und die( gleich zu befprechende) rotirende Steuerfcheibe hält, welcher Dampf- und Kohlenver­