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Transportmittel und anderes Betriebsmaterial für Eisenbahnen : (Gruppe XIII, Section 4) ; Bericht / von Emil Tilp, Maschinen- und Werkstätten-Inspector der Kaiser Franz Josefbahn
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Emil Tilp.

richtig angewandter Theorie verdrängt wird, ohne den praktifchen Verfuchen grundfätzlich aus dem Wege zu gehen.

Indefs ift die damals gefchöpfte Vorausficht, dafs das Material der Dampf­keffel ausfchliefslich Stahl fein werde, nur bedingungsweife eingetroffen, denn alle Länder mit fchlechtem, kalkhältigem Speifewaffer ziehen das Eifenblech noch vor, weil feine gröfsere Dicke und Homogenität der Corroſion mehr Widerftand leiften, weil es nicht fo empfindlich ift gegen rafche Temperaturänderung während der Anarbeitung und des Keffelbetriebes, weil es leichter zu bearbeiten und zu erhalten ift, Vortheile, welche die unwefentliche Gewichtserfparnifs des Stahles reichlich aufwiegen. Schweden führte kalt gebogene Keffelbleche aus Martin­ftahl vor.

Die Verfteifung der Feuerbox- Decken mittelft eiferner Stehfchrauben anftatt der fchweren, mit Keffelftein bald verlegten Deckenbarren ift fchon früher durch Belpaire angewandt, neueftens durch Becker in der Art wefentlich ver­beffert worden, dafs die Radien der nach den inneren und auch äufseren Seiten­wänden ablaufenden Hohlkehlen möglichft grofs angenommen, wodurch mehrere Reihen Stehfchrauben wegfallen und die Anordnung derSiederohr- Wände erleichtert, das fcharfe Abbiegen in den Kanten vermieden und an abfolutem Gewicht erfpart wird. Haswell conftruirt die Decken der inneren Feuerbüchfen ganz ohne Schrauben und Anker, verfteift fie durch wellenförmige Ein- und Ausbiegungen normal auf die Keffelachfe, wie feine ausgeftellten Locomotiven Stainz", , Orient" und Refchitzas ,, Hungaria" zeigten.

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Fink's Conftruction ift auch einfach, indem er die Decke nach abwärts wölbt und durch horizontale U- Träger, nach der Keffelachfe laufend, feftigt( ift ausge­führt, aber war nicht ausgeftellt). Die Seiten- Stehbolzen führte man auch hier und da aus Beffemerftahl aus, gab es aber wegen baldigem Angriff der Gewindgänge durch fchlechtes Waffer bald auf, wie überhaupt bemerkbar ift, dafs Beffemer- und felbft Gufsftahl, wahrfcheinlich wegen ungleicher Textur, der Corrofion weniger wider­ftehen als felbft Eifenblech und- Bolzen minderer Güte. Als Materiale für die Siederohre wird Eifen, bei fchlechtem Waffer Meffing, ftets in gezogenen Röhren, verwendet.

Da man mit Recht und Vortheil hohe Dampffpannungen, bis 12 Atmoſphären, acceptïrt, nietet man auch die Quer- und Langwechfel der Keffel doppelt. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs man künftig noch höhere Drucke ver­wenden und mit höherer Expanfion arbeiten wird. Die Fortfchritte der Blech­fabrication allenthalben geftatten, die Ringe der Keffelcylinder, wenn nicht immer aus einem, fo doch aus zwei Blechen zu machen, deren Fugen in die Seiten ver­legt werden, weil fie am Bauche durch das Beftreben des Dampfes, die voll­kommene Kreisform herzuftellen, im Verein mit angreifendem Waffer bald Rinnen von gefährlicher Tiefe bilden.

Die Speifung ift faft überall durch zwei ungleich grofse Injectoren angenommen, nur in Frankreich, dem Mutterlande diefer Erfindung, liebt man es, eine Kolbenpumpe, getrieben durch die Achfe und nur einen Injector anzuwenden. Die gröfste Verbreitung haben feit 1867 die Injectoren Friedmann's erlangt, wegen ihrer Einfachheit und ficheren Wirkung innerhalb grofser Grenzen des Druckes und der Temperatur; feither find neue Injectoren aufgetaucht von Fink( am Locomotiv ,, Stainz"), die fehr gelobt werden, und Dixon, ausgeftellt in mehreren Exemplaren und im Modell. Auch Syftem Schau wird hier und da noch verwendet, wie auch der urfprüngliche Giffard in mehreren Geftalten, endlich der von Kraufs, einer der erften Verbefferer Giffard's.

Gegen den Keffelftein find in neuefter Zeit wirkfame Mafsregeln erdacht worden. An der Spitze fteht das Verfahren Berenger's, in Oefterreich erfunden und zuerft ausgeführt. Die Ausftellung brachte einen completen Apparat in voller Thätigkeit zur Anficht, deffen rationelle Wirkfamkeit auf der Klärung, Entmifchung und Filtrirung des kalkhältigen Speifewaffers vor deffen Einführung in den Keffel