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M. B. Rideli.
Urmenfchen die Nothwendigkeit zur Erfindung fowohl von Vertheidigungs- als Angriffsmitteln, refpective Werkzeugen, unaufhörlich geltend machen.
Eine Zwangslage, deren Befchaffenheit uns ebenfalls ganz unbekannt geblieben ift, wobei jedoch höchft wahrfcheinlich viel Gut und Leben auf dem Spiele ftand, wird auch wieder Veranlaffung gegeben haben, die Welle, etwa in Form eines Baumftammes gleichzeitig mit dem Hebel in Anwendung zu bringen und fich diefer Werkzeuge bei Bewältigung grofser, der directen Muskelkraft der einzelnen Individuen fpottender Laften zu bedienen.
Die muthmafsliche Dauer der Ausübung diefer nach ihrer Erfindung gewohnheitsmäfsig angeeigneten Fertigkeiten kann gar nicht combinirt werden, es läfst fich jedoch annehmen, dafs diefelbe ein Ende erreichte, fobald ein zum Kampf ums Dafein befonders geeignetes Mitglied irgend eines halbwilden Stammes auf den glücklichen Gedanken kam, zur Verminderung des Reibungswiderftandes dem als Welle benützten Baumftamme blofs an deffen beiden Enden den urfprünglichen Durchmeffer zu belaffen, den dazwifchen liegenden Baumkörper jedoch in feiner Dicke durch Abfchälung mittelft der mittlerweile auch fchon erfundenen Stein- Werkzeuge herabzumindern.
In diefer Weife ungefähr läfst fich vermuthen, wie jene wichtige Vorrichtung, die man gegenwärtig ein„ Räderpaar" nennt, das Licht der Welt erblickte und es beftand diefes Räderpaar demnach höchft wahrscheinlich aus zwei an den Achfenenden feftfitzenden Scheibenrädern.
Unter den damaligen Umftänden repräfentirte diefe Vorrichtung in Bezug auf Krafterfparnifs einen fehr bedeutenden Fortfchritt und jener halbwilde Stamm, bei welchem diefe Erfindung vor fich ging, konnte nicht ermangeln, ein namhaftes Uebergewicht über jene Gemeinfchaften zu erlangen, welche diefelbe entbehrten, obgleich die Handhabung diefer verbefferten Mafchine noch viel zu wünfchen übrig liefs.
Sobald jedoch im weiteren Verlaufe der Urzeit Jemand auftrat, der die Achfe des erfundenen Räderpaares in Lager zu zwängen verftand und darauf ein Balkengeftelle errichtete, fo ward hiemit eine der für die gefaminte Menfchheit wichtigften Mafchinen, der Wagen, erfunden und der unvergängliche Ruhm des feiner Zeit vorange eilten Erfinders für alle Zeiten begründet.
Da jedoch diefe in der Culturgefchichte der Menfchheit fo denkwürdige Begebenheit in jene Epoche der Urzeit fällt, wo kaum die Rudimente der damals noch zu conftruirenden Sprache, vielweniger irgend welche Mittel zur Conftatirung der Identität des Erfinders vorhanden waren, fo wird das Andenken desfelben in ein ewiges Dunkel gehüllt bleiben müffen.
Als die herangewachfenen Völker nach Verlauf von Jahrtaufenden zu Sprache und Schrift gelangten, konnten fie fich des erften aus ihren Reihen etwa hervorgegangenen Wagenbauers nicht mehr erinnern, da fie jedoch jener Zeit, wo noch keine Wagen rollten, verhältnifsmäfsig näher ftanden und die dadurch erlangten Vortheile beffer wie die über diefen Punkt blafirte Gegenwart würdigen konnten, fo fchrieben fie in Ermanglung pofitiver Anhaltspunkte und in dankbarer Erinnerung an die hieraus gefloffenen günftigen Veränderungen, die Erfindung der Wagen ihren Nationalgöttern zu; fo konnte namentlich bei den Griechen der allererfte für den Helios fabricirte Sonnenwagen nur von Vulcan gebaut worden fein, während der Minerva frenatrix die fpecielle Fürforge und der Schutz des Wagenbaues von den Römern anvertraut worden ift.
Die oben erwähnte Annahme, dafs die erften Wagen auf den Achfen feftgekeilte Scheibenräder hatten, ift aber keine ganz willkürliche, denn diefe von unendlich entlegener prähiftorifcher Zeit herrührenden Wagen findet man bei Beginn der jeweiligen gefchichtlichen Epoche bei allen hiftorifchen Völkern des Alterthums als Laftwagen in ganz allgemeiner Anwendung und da diefelben nicht nur in China feit Jahrtaufenden gebräuchlich waren, fondern auch von den fpanifchen Conquistadores in der neuen Welt angetroffen worden find, fo mufs derer