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Strassen-Fuhrwerke und andere Transportmittel : (Gruppe XIII, Section 5) ; Bericht / von M. B. Rideli, Ing. in Wien
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M. B. Rideli.

fpieligkeit des Locomotions- oder aber des Verwaltungsmechanismus verfchuldet worden ift. Es ift begreiflich, dafs der Erfinder der neuen Zugkraft den Ehrgeiz befafs, für diefelbe auch einen ganz neuen originellen Bewegungsmechanismus zu conftruiren und es wurden zu diefem Zwecke in der That beim Beginne der Loco­motionsexperimente anfänglich zwei Adhäfionskrallen beliebt welche durch den regulirten Dampfdruck alternirend vorgezogen und zurückgelegt, die dem thierifchen Laufe nachgeahmte Vorwärtsbewegung bei den zuerft in England conftruirten Locomotionsmafchinen vermitteln follten.

Die Refultate haben bekanntlich den gehegten Erwartungen auch nicht entfprochen und man war gezwungen, zum ehrwürdigen alten Wagenrad, welches vor unzähligen Jahrtaufenden von prähiftorifchen und höchft wahrfcheinlich der Antropophagie noch eifrig huldigenden Wilden* erfunden und vervollkommnet worden war, reumüthig zurückzukehren.

Die prähiftorifchen Erfinder waren übrigens auf die Vorzüglichkeit und relative Unentbehrlichkeit ihres rotirenden Werkzeuges nicht wenig ftolz und das von den modernen Eifenbahn- Auguren bewerkstelligte Abcopiren des auf antiken hetrurifchen Vafen als Attribut des Speichenrad- Erfinders Triptolemus vorkommenden geflügelten Rades fowie die gleichzeitige Adoption desfelben zum Symbole der Sicherheit und Schnelligkeit der Eifenbahn- Locomotion kann nur als ein unverantwortliches Plagiat bezeichnet werden. Diefes Vorgehen ift um fo bedauerlicher, als bekanntlich die Wahl diefes Emblems in Bezug auf deffen obenerwähnten conventionellen Sinn überdiefs bei mehreren Eifenbahnen mindeſtens als ziemlich unpaffend angefehen werden kann.

Die allgemeinen Verdienfte des prähiftorifchen, ganz unbekannt geblie­henen Raderfinders können aber nicht beffer als durch Conftatirung der That­fache gewürdigt werden, dafs, während z. B. nach Eliminirung der Dampfkraft alle damit zufammenhängenden Induftrien ihre leidliche Exiftenz auch ohne die­felbe weiter friften könnten, das momentane Verfchwinden des Rades hingegen den augenblicklichen Stillftand einer unendlich grofsen Anzahl von Induftrien inclufive der Landwirthfchaft zur unmittelbaren Folge haben müfste.

Der Ausfpruch eines mit Recht gefeierten englifchen Forfchers, dafs es in der hiftorifchen Epoche wenig Fortfchritt gegeben habe, der­felbe aber in vorgefchichtlicher Zeit unendlich grofs gewefen fein müffe", hat nirgends mehr als beim Wagenbaue feine volle Richtigkeit und es mufs die von unferen Urahnen entwickelte Rührigkeit um fo höher angefchlagen werden, als neben den vielen ebenfo unentbehrlichen als höchft originellen Erfin­dungen auch die Sprache felbft fammt allen darauf bafirten Inftitutionen gefchaffen werden mufste. Nur diefer raftlofen Thätigkeit ift es zu verdanken, dafs die Gegenwart den früher in allem Ernfte geführten Kampf ums Dafein" mit aka­demifcher Gelaffenheit heutzutage als ftrittigés Theorem behandeln und fich des unter viel Müh' und Drangfal erfundenen Wagens beim Befitze der nöthigen Mittel, mit Ruhe erfreuen kann.

Den folgenden Generationen fiel die verhältnifsmäfsig leichtere Aufgabe zu, diefe Erfindungen, worunter fich die fämmtlichen einfachen Elemente jeder

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* Die neueften Forfchungen unferes berühmten vaterländifchen Ethnologen Friedrich Müller, fowie jene von Ernft Häckel, W. Bagehot und Anderen haben dargethan, dafs die fogenannten Menfchenfreffer nur mit dem gröfsten Widerftreben und nur aus dem Grunde ihren Nächften verzehren, weil fie der Meinung find, dafs nicht nur das Fleifch und die Knochen des Verfpeiften, fondern auch deffen hervorragende Eigenfchaften als: Tapferkeit, Schönheit, Muth, Erfindungsgabe.u. f. w. nach eventuell ftattgefundener Verdauung denfelben zugute kommen würden. Ohne irgendwie das mitunter fehr unerquickliche Verhältnifs zwifchen den zeitgenöffifchen Patentinhabern und Patentausübern berühren zu wollen, ift es dennoch fehr erfreulich, dafs aus Anlafs der Weltausftellung ein Patentcongrefs fich angelegen fein liefs, die verfchiedenen divergirenden Verhältnifse cer Patentintereffenten nach Thunlichkeit zu regeln, wodurch vielleicht für alle künftigen Zeiten jede Anlehnung an prähiftorifche Ufancen vermieden werden könnte, an welchem günftigen Refultate übrigens die Erwägung der voll­kommenen Nutzlofigkeit diefer barbarifchen Uebungen den meiften Antheil haben dürfte.