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Musikalische Instrumente : (Gruppe XV) ; Bericht / von Eduard Schelle
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Mufikalifche Inftrumente.

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fich klar und deutlich vernehmbar machen, wie auf dem Clavier. Dazu ift endlich die Mechanik, fo complicirt fie auch auf den erften Blick erfcheinen mag, im Grunde doch einfach, und was ihren Werth insbefondere erhöht, gegen die Ein­flüffe der Temperatur gewiffermafsen gefeit, indem die Leitung folchen keines­wegs unterliegt. Wir haben alfo alle Urfache, der Kunft zu diefer neuen Errun­genfchaft nur Glück zu wünſchen. Freilich hat jede Medaille auch ihre Kehrfeite. Auch diefe Erfindung ist keineswegs fo fix und fertig, fo ausgeglichen mit den beſtehenden Verhältniffen, dafs fie bereits einen gebahnten, ebenen Weg vor fich hätte. Einen Hemmfchuh für fie wird zunächft die Preisfrage bilden; denn die Herrichtung einer folchen Orgel überfteigt um Vieles die Koften, welche ein Werk von ähnlicher Gröfse nach dem alten Syftem verurfacht. Indeffen ift diefer Uebel­ftand nicht fo grofs und gewichtig, dafs er für die Zukunft einen Stein des Anftofses abgeben könnte; er haftet vornehmlich an der Batterie, welche in ihrer gegenwärtigen Befchaffenheit allerdings fehr hoch zu ftehen kommt. Es werden indefs ficherlich mit der Zeit Mittel gefunden werden, diefe Batterie zu verein­fachen, und die Erfinder felbft haben, wie wir gehört, bereits ein folches in Aus­ficht, wodurch der Koftenbetrag um die Hälfte gemindert wird. Ein gewiffes klapperndes Geräufch, welches beim Spielen häufig aus dem Innern des Gehäufes an das Ohr dringt, können wir nicht der Mechanik als eine befondere Unvoll­kommenheit zur Laft legen, da dasfelbe wohl leicht zu befeitigen fein wird. Im Uebrigen empfiehlt fich diefe Orgel durch einen fchönen, edlen Ton, wie durch eine entsprechende Klangkraft, fie ift mit einem Wort ein Werk, das faft in gleichem Mafse das Intereffe des Künftlers wie des Phyfikers zu feffeln vermag.

Harmoniums.

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In der Welt der mufikalifchen Inftrumente legt der menfchliche Erfindungsgeift ein abfonderliches Beftreben dar, die verfchiedenen Gattungen durch Erzeugung von Abarten zu vermitteln. Bis in unfer Jahrhundert hinein thronte die Orgel in der Familie der Tafteninftrumente in unnahbarer Majeftät und nahm hier eine ifolirte Stellung ein. Da führte der Wunſch, auch diefes erhabene Ton- Werkzeug dem Salon dienftbar zu machen, zur Erfindung der Phys­harmonika und zur weiteren Vervollkommnung derfelben als Orgue expreffive, oder Harmonium, unter welchem Namen wir fie gegenwärtig kennen. Die durch Vibra­tion einer ftählernen Zunge erzeugten Töne der befonders unter dem Volke fehr beliebten Maultrommel auch Judenharfe und Brummeifen geheifsen follen einen Rentamtmann zu Königshofen an der Saale in Baiern, Efchenbach, auf die Idee gebracht haben, diefes Tonmittel durch ein eigen conftruirtes Inftrument für künftlerifche Verwendung brauchbar zu machen. Die Idee mag nun in der That jenem Rentamtmann zugefprochen werden; die Ehre jedoch, diefe ver­wirklicht zu haben, dürfte weniger dem Inftrumentenmacher Schlimbach oder nach Anderen Voit in Schweinfurt, fondern dem Wiener Anton Häckel gebühren. In der additionellen Ausftellung befand fich von Letzterem eine Phys­harmonika, welche die Jahreszahl 1822 trägt, alfo in die Zeit fällt, in welcher die Erfindung diefes Inftrumentes bei uns wenigftens ins Leben trat. Denn auch die Amerikaner machen Anfpruch auf die Ehre, Orgeln, in denen die Töne durch Zungen hervorgebracht werden, zuerft erzeugt zu haben. Als Erfinder derfelben wird Aaron Merril Peafeley genannt; bereits im Jahre 1818 erhielt er als Auszeichnung von der Regierung der Vereinigten Staaten ein befonderes Patent. Immerhin ift aber die Physharmonika die eigentliche Stammmutter der brillanten klangreichen Harmoniums, welche die öfterreichifche und deutfche Abtheilung zierten und zu diefem keinen geringeren Gegenfatz bildeten, wie ein Hammer­cymbal von Chriftofali aus dem vorigen Jahrhundert zu einem modernen Flügel mit englifcher Mechanik und kreuzfaitigem Bezug.

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