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Musikalische Instrumente : (Gruppe XV) ; Bericht / von Eduard Schelle
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Eduard Schelle.

Klein, dürftig, für den künftlerifchen Gebrauch noch ungeeignet, macht diefe Physharmonika eher den Eindruck eines Spielwerkes als eines Inftrumentes, das eine künftlerifche Miffion beanfpruchen darf, und man kann fich nicht genug wundern, in wie verhältnifsmäfsig kurzer Zeit eben diefes Spielwerk zu feiner jetzigen Bedeutung herangewachſen ift, und dafs es nicht nur im Salon und Concertfaal fich den Zutritt erobert hat, fondern es wagt, mit der Orgel auf deren eigenftem Felde, in der Kirche, zu rivalifiren. Freilich hat fich die muſikaliſche Kunft, wenigftens in Deutſchland, lange gefträubt, die Physharmonika, mochte fich diefe auch mit dem fchön klingenden griechifchen Namen Aeoline oder Aeolodion brüften, in den Familienkreis ihrer legitimen Inftrumente aufzunehmen und noch heutigen Tags weift fie derfelben trotz der Vervollkommnung als Harmonium eine mehr oder weniger untergeordnete Stellung an. In Wahrheit befchränkt fich die Bedeutung diefes Inftrumentes für die Kunft hauptfächlich auf den Umftand, dafs es ein Surrogat für die Orgel, denn mehr als ein folches war es anfangs nicht, und da läfst es gerade das vermiffen, worauf vor Allem der Werth eines muſikaliſchen Inftrumentes beruht; es geht ihm nämlich der individuelle Charakter ab. Seine intime Verwandtfchaft mit der Orgel kann das Harmonium dadurch erweifen, dafs der Ton wie dort durch die Strömung des Windes mittelft zweier Bälge erzeugt wird, welche der Spieler mit den Füfsen regiert. Allein während die Orgel als unmittelbare Factoren des Tones fich der Pfeifen bedient, mufs das Harmonium ftatt folcher ftählerne Zungen verwenden, wodurch der Klangcharakter eine bedeutende Modification erhält und trotz aller Manigfaltigkeit der einzelnen Farben an einer gewiffen Monotonie leidet. Mit dem Piano fteht eben wieder das­felbe Inftrument in einer gewiffen verwandtfchaftlichen Beziehung, indem es dem­felben den Hammermechanismus entlehnt. Diefer, eine fogenannte Percuffion, eine Erfindung von L. P. A. Martin in Frankreich, befteht in einer Anzahl von Hämmern, welche in Zungenrahmen unter den Zungen des Flötenregifters, mithin vorne unter der Taftatur angebracht find und beim Niederdruck der Taften an die Zungen fchlagen. Dadurch wurde nicht nur eine beffere Anfprache des Tones gewonnen, fondern man kann auch, mit Hilfe diefer Percuffion im Pianiffimo bei gefchickter Hemmung des Windftromes Klänge erzielen, welche eine annähernde Aehnlichkeit mit dem Pizzicato auf der Geige haben.

Bei aller feiner Vervollkommnung ift mithin das Harmonium immer nur ein Zwittergefchöpf, weder Orgel noch Piano. Trotz feines zweideutigen Charakters entfaltet aber diefes Zwittergefchöpf Reize, die ihm auch in Deutſchland, wo es lange Zeit keinen feften Boden finden konnte, eine weit gröfsere Theilnahme zuwenden, als es früher der Fall war; es darf fich in feiner jetzigen Vervollkomm­nung fogar eines Vorzuges vor der Orgel rühmen, indem es fich dem feelifchen Ausdrucke willig herleiht; von der anderen Seite ift es dem Piano durch feinen fortklingenden und fchwellenden Ton überlegen, der es für die Führung einer Melodie ungleich beffer als jenes eignet. Man hat defshalb fchon mehrmals unter­nommen, wie Verhaffelt in Brüffel, Gilbert in Bofton, beide Inftrumente im Baue zu vereinen, und einen ähnlichen Verfuch wies auch die Ausftellung in dem Panfymphonion von Lechleitner aus Innsbruck auf, das freilich noch weiter geht und eine Combination von Zungen und Pfeifen zur Schau trägt. Mag man nun über das Harmonium denken, wie man will, die Kunftpraxis wird es in feinem gegenwärtigen Zuftande nicht zurückweifen können, indem es fich als Begleitungs­inftrument für den Gefang und insbefondere den Chor vortrefflich eignet und anderfeits ein gewiffes Genre an fich herangebildet hat.

Kein mufikalifches Inftrument ift übrigens fo reichlich mit Namen gefegnet, wie das in Rede ftehende.

In Deutſchland hatte fich endlich unter den vielen griechifchen Benennungen der Ausdruck Physharmonika Bahn gebrochen. In Frankreich erhielt es durch die Firma Alexandre in Paris, die es hier popularifirte, die Namen: Orgue d'expreffion, Panorgue, Harmonium d'expreffion, in England wird es bald