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Eduard Schelle.
fchen, das Melo- Piano von Caldera& Broffi in Turin in der Nähe der italienifchen Abtheilung. Auf den erften Blick könnte es fcheinen, als ob beide Inftrumente eine Erweiterung der Pianofamilie bildeten, weil das Piano ihre Grundbeftandtheile ausmacht, allein aus ihren Wirkungen ergibt fich, dafs fie, anftatt die Natur des Piano zu ergänzen, diefelbe alteriren, da fie mit einem Worte etwas anftreben, was gegen den Charakter des Piano läuft. So ift das Piano Quatuor ein Inftrument, welches in Form eines Pianinos die Effecte des Streichquartettes hervorzubringen die Aufgabe hat. Es hat ferner die Beftimmung, alle Nuancirungen der Streichinftrumente, wie das Anfchwellen und Abnehmen, das Ausftechen und Verbinden der Töne nicht nur treu wiederzugeben, fondern auch Gefangseffecte zu erzielen. Es will mit einem Worte ein Streichorfter im Kleinen darftellen, ein entſprechendes Surrogat für ein folches fein. Der Mechanismus, man mufs es geftehen, ift höchft finnreich.
Die Conftruction des Inftrumentes gleicht äufserlich der eines Pianinos. Der Bezug ift jedoch nicht dreichörig wie bei diefem, fondern für jeden Ton eine einzige Stahlfaite angebracht; diefelbe mufs aber, um die erforderliche Tonfülle zu erzeugen, dreimal fo ftark fein wie eine Clavierfaite. Diefelbe läuft zunächft über einen gewöhnlichen Steg, wird dann durch eine Schraube auf einen niedrigeren Steg gedrückt, welcher in Folge des Druckes auf den Refonanzboden diefelbe Wirkung ausübt, wie der Steg bei einer Violine. Es wird dadurch bei jeder Schwingung eine Vibration erzeugt, welche die Tonftärke bedeutend vermehrt. Die Schwingungen felbft werden durch ein an der Saite angebrachtes Büfchel von Pflanzenfafern( imitirtes Rofshaar,„ Tampico" genannt) fortgepflanzt. An einem mit der Tafte in Verbindung ftehenden Keil findet fich ein gebogenes Stück Fifchbein von beliebiger Stärke. Durch den Druck, der vom Spieler auf die Tafte ausgeübt wird, prefst das Fifchbein jedes Büfchel gegen einen aus hohlem Eifen angefertigten, mit Papierbekleidung überzogenen und Colophonium beftrichenen, wagrecht liegenden Cylinder. Derfelbe wird durch ein Pedalfyftem nach einer der Saite entgegengefetzten Richtung zu in Rotation verfetzt. Diefer Cylinder hat die Function des Violinbogens zu verfehen. Die fo entſtehende Friction des Cylinders mit dem Büfchel theilt fich durch das Letztere der Saite mit. In dem Mafse, als die Friction durch den ftärkeren Taftendruck gefteigert wird, gewinnt der Ton an Kraft und Fülle. Die Stärke des Tones kann übrigens auch durch ein fchnelleres Treten des Pedales vermehrt werden, weil dadurch der Cylinder fich ebenfalls fchneller bewegt. Auf diefe Weife wird ein Ton erzeugt, der dem Charakter der Streichinftrumente fehr nahe kommt. Auf der jenen erwähnten Keil tragenden Seite befindet fich noch eine Spiralfeder, welche den Zweck hat, dem Fifchbein die zum Drucke gegen den Cylinder benöthigte Kraft zu verleihen. Mit der Tafte fteht die Leifte durch eine Stellfchraube in Verbindung, die Letztere dient dazu, die Bewegung des Fifchbeins gegen den Cylinder zu regeln und dasfelbe dem Büfchel fo nahe wie möglich zu bringen. Der Gang der Tafte wird durch einen befonderen Knopf geregelt. Die Tafte felbft ift ganz die des Pianos.
Ein derartiges Inftrument brachte übrigens Baudet bereits unter dem Namen Piano- Violon in der Parifer Weltausftellung 1867 und mag jetzt hier nur einige wefentliche Verbefferungen erhalten haben. Die Idee ift übrigens nicht neu, fie liegt vielmehr fchon den im XVII. Jahrhundert beliebten GeigenClaviercymbalen zu Grunde. Sehr gut, faft bis zur Täufchung nachgeahmt find die tieferen Streichinftrumente, wie Bratfche, Violoncell, weniger glücklich ift der Ton der Geigen getroffen, doch find von dem Erbauer einige Verbefferungen in Ausficht geftellt, welche das Inftrument nach diefer Seite hin vervollſtändigen.
Das Streichquartett wird das Piano- Quatuor nie erfetzen können, denn deffen Reiz beruht in erfter Linie auf dem Zufammenwirken von vier Individualitäten; allein immer ift es für den Privatgebrauch eine intereffante Errungen