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Allgemeine Bewaffung und Artilleriewesen : (Gruppe XVI, Section 2) ; Bericht / von Gustav Semrad u. Johann Sterbenz
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Guftav Semrad und Johann Sterbenz.

Seit die Holzfchiffe der Kriegsflotten faft vollständig durch Fahrzeuge mit dicker Eifenbekleidung verdrängt wurden, fielen die glatten Schiffs- und Küften­gefchütze einem Zuftande völliger Ohnmacht anheim. Die Granate, ehedem der gefährlichfte Feind eines Holzfchiffes wurde wirkungslos gegen die undurchdring­liche Eifenhaut; die Meeresküften, früher Achtung gebietend armirt, waren nun mehr faft wehrlos gegen den Angriff einer feindlichen Panzerflotte.

Erft die grofskalibrigen Kanonen, namentlich aber die gezogenen Mörfer mit ihrer Wurfpräcifion und mit ihrem enormen Falleffect gegen das íchwache Deck der Schiffe gaben der Küftenartillerie das verloren gegangene Uebergewicht zum grofsen Theile wieder zurück.

Im Seegefechte jedoch dürfte die Schiffsartillerie ihre frühere Bedeutung nie wieder erlangen, da fie in der Ramme, wie es fcheint, einen mächtigen Concurrenten erhalten hat, und dem Eifenpanzer überhaupt nur normal auf den­felben auftreffende Gefchoffe, die aber im Seekampfe höchft felten anzubringen find, gefährlich werden.

So durchgebildet gegenwärtig auch das Waffenwefen ift, lo kleben dem­felben noch immer mancherlei Mängel an, und hat es in verfchiedenen Richtungen Lücken aufzuweifen. Die Befeitigung derfelben wird unausgefetzt angeftrebt und wäre es daher erwünſcht, wenn jede halbwegs verfprechende Erfindung erprobt werden könnte. Es ift zwar nicht jeder neue Gedanke lebensfähig, aber Belehrung läfst fich aus allen Experimenten fchöpfen, und Manches, was heute noch als fchwärmerifches Project gelten mag, kann im Laufe der Jahre zur praktifchen Reife gelangen.

Ueber alle Zweifel erhaben ift jedoch die Behauptung, dafs durch all­gemeine Betheiligung der Induftrie und Technik an der Löfung fo vieler wichtiger Fragen das Waffenwefen in der jüngften Epoche rafcher denn je dem Stadium der Vollendung näher rückte.

Nachdem wir nun in kurzem Umriffe den gegenwärtigen Standpunkt des Waffenwefens gekennzeichnet, wird es unfere nächfte Aufgabe fein, die auf der Ausftellung vertreten gewefenen, hervorragenden Objecte diefes Gebietes zu befprechen, wobei wir folgende Gruppirung des Stoffes einhalten werden.

Blanke Waffen.

Hand- Feuerwaffen.

Feld- und Gebirgsartillerie, Feftungs-, Schiffs- und Küfter.gefchütze.

Blanke Waffen.

Die blanken Waffen, worunter wir die zum Kampfe von Mann gegen Mann, und zwar zum Hieb und Stofs beftimmten, alfo Säbel, Degen, Lanzen, Bajonnete und dergl. verftehen, waren auf der Ausftellung nicht fehr zahlreich vertreten, und fand man folche überhaupt nur im deutfchen Reiche, in O efterreich, Spanien, Rufsland, Italien, Schweden und in der

Schweiz.

Von Deutfchland ift in diefer Beziehung die Collectivaus ftellung der Stahl- und Eifenwaaren- Fabrikanten in Solingen zu nennen, welche übrigens von der weltbekannten Grofsartigkeit der Solinger Klingenfabri­cation ein richtiges Bild zu geben nicht vermochte; die Solinger Expofition ragte weder durch die Reichhaltigkeit der ausgeftellten Objecte hervor, noch durch die Zahl der Firmen, die fich an derfelben betheiligt hatten. Es hatten nämlich blofs Johann Friedrich Kremer und F. A. Hermes eine kleine Sammlung verfchie­dener damascirter Säbel- und Degenklingen, fowie vollſtändig montirter Hieb­waffen eingefchickt.

Darunter befanden fich auch ein Paar matt abgebeizte Säbelfcheiden, welche weniger dem Rofte unterliegen follen als blank polirte.