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Allgemeine Bewaffung und Artilleriewesen : (Gruppe XVI, Section 2) ; Bericht / von Gustav Semrad u. Johann Sterbenz
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Allgemeine Bewaffnung und Artilleriewefen.

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aufzutifchen vermöchten; auch könnte man uns dann und nicht mit Unrecht den Vorwurf machen, für die Propagirung etwaiger Lieblingsanfichten das officielle Gewicht des Ausftellungsberichtes benützt zu haben.

Obgleich wir, wie jeder Militär, dem das Wohl feines Landes und die Ehre feines Standes am Herzen liegen, unfer eigenes, und zwar ziemlich fcharf umfchrie­benes Urtheil über die verfchiedenen Zweige des Waffenwefens, fowie über deffen wahrfcheinliche fernere Ausbildung und Bedeutung uns gebildet haben, fo halten wir uns nach dem Früheren zur Zurückhaltung desfelben umfomehr verpflichtet, da wir doch nicht die genaue und vollſtändige Kenntnifs aller jener Bedingungen befitzen, welche das Durchgreifen der einen oder anderen Idee in den verfchie­denen Heeren beeinflufsten, aus welchem Grunde wir endlich auch das Vorgehen der einzelnen Staaten in richtigem Mafse kaum zu würdigen vermöchten.

Diefs hindert aber nicht, dafs wir über jene Objecte, über welche bereits beftimmte und authentifch dargelegte Erfahrungen beftehen, fowie über die Con­fequenzen, welche aus letzteren insbefondere im Hinblick auf die öfterreichifchen Verhältniffe ganz unzweifelhaft zu ziehen find, jenen Meinungen Ausdruck geben, welche einestheils fchon Eigenthum einer überwiegenden Majorität find, anderntheils aber gewiffermafsen Axiomen gleichen, gegen welche ein Ankämpfen füglich nicht mehr zuläffig ift.

Refumiren wir z. B. das im Fache der Hand- Feuerwaffen von der Aus­ftellung Gebotene, fo ergibt fich aus demfelben der unabweisbare Schlufs, dafs Feuerfchnelligkeit, Tragweite, Schufspräcifion und Flugbahn­Rafanz der Gewehre noch immer jene Gebiete bezeichnen, auf welchen die Vervollkommnung der bisherigen Waffen angeftrebt wird, und dafs Staaten, welche gegenwärtig an der Neubewaffnung ihrer Heere arbeiten, wie Preufsen und Frankreich, in allen diefen Punkten ein höheres als das bisherige Mafs zu erreichen fuchen.

Faft alle auf der Ausftellung gewefenen Projecte von Hinterladungs­gewehren zeigten das Bemühen, die Ladegriffe zu vereinfachen, um dadurch den Schützen in den Stand zu fetzen, eine möglichft grofse Zahl an gezielten Schüffen in der kürzeften Zelt abzugeben Ein Beweis, dafs die gegen­wärtige Feuergefchwindigkeit den Tactiker noch nicht befriedigt, deren Steige­rung dem Techniker jedoch möglich erfcheint. Mit Rückficht darauf läfst fich daher auch fagen, dafs in den nächften Kriegen das Schnellfeuer der Infanterie eine noch bedeutendere Rolle als in den Jahren 1866, 1870 und 1871 fpielen werden. Eine fpätere Folge diefer Bemühungen wird die Verallgemeinung des Repetirgewehres, des Prototypes der denkbar möglichften Feuerfchnelligkeit fein. Hat auch die Ausftellung felbft aufser den fchon bekannten Repetirfyftemen und dem neu hinzugetretenen Fruhwirth'fchen Gewehre in diefer Beziehung einen eklatanten Fortfchritt gerade nicht producirt, fo ift der Grund hievon wohl haupt­fächlich in der Kürze der Zeit zu fuchen, die feit dem Inslebentreten der jetzigen Syfteme erft verftrichen, dann aber auch darin, dafs die Frage der Repetirgewehre fich eben überall noch in der Ventilirung befindet. Es hat übrigens fchon das im Laufe des heurigen Sommers bekannt gewordene Gewehr des amerikaniſchen Capitäns Meigs( 50 Schufs in weniger als einer halben Minute) gezeigt, welch' weites, aber erreichbares Ziel der Waffentechnik auf diefem Wege noch gefteckt ift.

Man darf alfo ohne Furcht vor einem Dementi Seitens der kommenden Ereigniffe das Repetirgewehr die Waffe der Zukunft nennen. Bis wann ein folches Gemeingut aller Armeen fein wird, läfst fich allerdings nicht fagen; riefige Geldmittel, die nicht überall und jederzeit zur Verfügung stehen, werden dazu erforderlich; für fehr wahrfcheinlich halten es wir aber, dafs eine theilweife Einführung von Repetirgewehren, etwa für befondere Truppenkörper, vielleicht fchon in naher Zeit ftattfinden dürfte, wozu es freilich am beften wäre, nicht erft den ftofsartigen Impuls eines Krieges abzuwarten.