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Kirchliche Kunst : (Gruppe XXIII) ; Bericht / von Hans Petschnig
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Hans Petfchnig.

Der Altar und Kanzelfchmuck" mufs einestheils von den Webern und Stickern, anderntheils von den Goldfchmieden, Broncearbeitern etc. beigeftellt werden. Auch in diefer Beziehung hat die Vorzeit fo Vielerlei und in fo trefflicher Weife vorgearbeitet, dafs die Vertreter der Kunft­gewerbe nur nach vorgenommenen fpeciellen Studien an die Erzeugung hieher gehöriger Gegenftände, wie: Altardecken, Antipendien, Hand­tücher, Kreuze, Kelche, Monftranzen, Steh- und Hängeleuchter, Reli­quiarien u. f. w. gehen follten, um ihnen vielleicht noch einige neue, orga­nifch entwickelte Motive zuzuführen. Denn die gemusterten Wirk- und Web­ftoffe nicht minder, als die fogenannten heiligen Geräthe waren es eben, in deren Mannigfaltigkeit die Phantafie, in deren ftilvoller Ausstattung das Kunftvermögen der verfchiedenen Epochen der kirchlichen Kunft einen ebenfo glänzenden, als charakteriftifchen Ausdruck gefunden. Hier gilt es auserlefen reine Formen, edlen, gediegenen Reichthum aufzu

weifen.

Endlich find noch

d) die bei der Taufe und Leichenbeftattung in Verwendung kommenden Objecte" anzuführen, auf deren zahlreiche Vertretung ebenfalls Werth gelegt werden mufs. Vom Weihbrunn- Keffel und Tauf­becken bis zu den Grabmonumenten, Grabplatten und Grablampen foll der Befchauer einen Ueberblick erhalten.

Wenn wir uns nun von der Kirche felbft zu ihrem Dienfte wenden, find fchliesslich die Mefsgewänder in Betracht zu ziehen. Zur Veranfchaulichung der­felben möge das fein und gefchmackvoll durchbrochene Chorhemd neben dem reich durchwebten Brokat der anliegenden Cafula oder des faltenreichen Pluviales Platz finden und endlich auch die flatternde Kirchenfahne und der ftattliche Baldachin nicht fehlen.

Es verfteht fich von felbft, dafs die Weltausftellung nicht ausfchliesslich den Gegenftänden eines fpeciellen Ritus geöffnet ift. Wir sprechen von einer kirch­lichen Kunft im Allgemeinen; das Gefagte bezieht fich daher auf alle unter a), b), c), d) fich einreihenden Gegenftände, welchem Ritus fie angehören mögen."

Leider aber kann der Berichterstatter nicht verfchweigen, dafs der hohe Gedanke, der fich in diefem Specialprogramme ausfpricht, nicht fo gewürdigt und aufgefasst wurde, als er hätte gewürdigt und aufgefafst werden follen.

Im Ganzen mässig befchickt, theils auch zerftreut in anderen Gruppen, hatte man kein umfaffendes Bild der kirchlichen Kunft im Sinne des Programms aufge ftellt, und mühfam, erdrückt von den anderen Erzeugniffen der Induftrie, mufste man die Gegenftände diefer Gruppe zufammenfuchen. Selbft die Jury hatte eine fchwierige Aufgabe, die Arbeiten für kirchliche Kunft überall herauszufinden.

Die kirchliche Architektur.

Wenn wir uns zuerft den einfchlägigen Baulichkeiten zuwenden, fo fanden wir in dem Palafte des Vicekönigs von Egypten das alte Grabmal des Benihaffan, ein Felfengrab aus der 12. Dynaftie, welche in das Ende des III. Jahrtaufends vor Chriftus gefetzt wird. Intereffant war dabei der, von zwei Säulen getragene Porticus. Man fieht darin den ausgeprägten Vorläufer der griechifchen Architektur, daher man diefe Säulen als protodorifche bezeichnet.

Die Cannelirung der Säulen, ihre ftramme Einziehung nach Oben, die Deck platte, das Gebälke, tragen fo fehr das Gepräge primitiver griechifcher Kunft, dafs man fich fogar leicht zur Annahme verleiten laffen könnte, hier ein griechifches Bauwerk vor fich zu fehen.

Im Innern wird die in Segmentbögen behaute Decke von vier Säulen mit dem bekannten altegyptifchen Capital der gefchloffenen Lotosblume getragen.