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Objecte der Kunst und Gewerbe früherer Zeiten : (Exposition des Amateurs ; Gruppe XXIV) ; Bericht / von Carl Lind
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Dr. Carl Lind.

nachgeahmt wurden. Die Gothik drang in alle Zweige der Kunft, wobei ihr zu ftatten kam, dafs fie fich in ihrer Anwendung aufserhalb der Architektur jedem beftehenden und noch fo eigenthümlichen Grundgedanken zu accomodiren fuchte.

Werke der gothifchen Goldfchmiede- Kunft. Wir wollen unfere Ueberfchau von Kunftgegenständen der gothifchen Epoche mit den Producten der Goldfchmiede- Kunft beginnen. Da ift es wieder die Kirche, die uns für diefe Gruppe die gröfsten Koftbarkeiten liefert. Wir finden Reihen von Kelchen und Monftranzen, die alle mehr oder minder gelungen, diefen Stil repräfentiren. Wir nennen zuerft den Kelch von Admont. Derfelbe vereinigt in fich die Reminiscenzen des romanifchen Stiles und Vieles der Gothik. Auf der Fläche des noch runden Fufses find vier ovale Medaillons mit Darftellungen aus dem Leben Chrifti angebracht, der Knauf ift ebenfalls noch rund, nur oben und unten etwas platt gedrückt und im Halbkreisbogen mit Thier- und Pflanzenbildungen geziert. Die Cuppa hat bereits die der Gothik charakterifirende, nach unten zugefpitzte Form. Ueber die Entftehungszeit( 1350) bringt eine zunächft des Knaufes ange­brachte Infchrift Nachricht. Diefer Kelch, eine Ausnahme von der während des gothifchen Stiles allgemein angenommenen Form, liefert den Beweis, dafs felbft zur Zeit der Allmacht des gothifchen Stiles die Formen des früheren Stiles in der Kleinkunft noch nicht ganz vergeffen waren.

Die allgemeine Form der Kelche der gothifchen Epoche charakterifirt fich durch den blattförmigen, meiftens fechstheiligen Fufs, durch polygonen Nodus, der in der Spätgothik bisweilen bis zum Capellenbau fich erweitert und durch die nach unten fich verengende Trinkfchale, welch' letztere Eigenfchaft fich in der Spätgothik ebenfalls abfchwächt, indem man zur Tulpenform überging. Die darauf verwendete Verzierung ift theils Email, meiftens durchfchimmerndes, bisweilen Stein- oder Glas­befatz, ferner reiche Filigranirung und Befatz von Relieffiguren, die bisweilen in reicher Anzahl auf der Fufsplatte, namentlich aber am Nodus angebracht find.

Als ausgezeichnet durch Emailfchmuck nennen wir jenen Kelch von Sct. Paul( XVI. Jahrhundert). Mit Filigranfchmuck als der hauptfächlichften Ver zierung find ausgeftattet: Die beiden Kelche aus Ebenfurt( XVI. Jahrhundert), Ibbs ( XVI.), Sct. Leonhard( XVI.), von Klofter Strahov und der Goldfchmiede Genoffenfchaft in Prag, endlich nennen wir noch die einfachen Kelche von Judenburg( XVI.), Oberdrnovitz( XV.), Brünn, Sct. Jakobskirche( 1478), Kunewald( XV.), Selowitz( XV. Jahrhundert) und die drei durch ihre gewal tigen Noden, mit figuralem Schmucke eigenthümlichen Kelche des Tarnower Domes. Die Kirche zu Maria Saal hat einen fchön cifelirten Kelch von unge. wöhnlicher Gröfse mit eingravirten figuralifchen Darftellungen am Fufse und an der Cuppa ausgeftellt, der von Jörg Ungnad( 1466) ftammt.

Einen eigenthümlichen Kelch müffen wir hier erwähnen, es ift diefs der fogenannte Reifekelch aus Klofterneuburg, der wahrfcheinlich im XV. Jahr hundert entstanden fein mag und die von uns befchriebene Form der gothifchen Kelche hat. Seine Beftimmung als Reifekelch charakterifirt fich dadurch, dafs er in drei Theile zerlegbar ift, die mittelft eines am Fufse befindlichen Zapfens in einander gefchraubt werden können. Die Mefskännchen find fo geformt, dafs fie der Fläche des Fufses aufgelegt werden können, worüber dann die Cuppa geftürzt wird. In die Höhlung des Fufses pafst die Hoftienkapfel und

als letzter Abfchlufs dient die Patene.

Um die Euchariftie würdig aufzubewahren, bediente man fich fchon in altchriftlicher und romanifcher Zeit gewifser verfchliefsbarer Gefäfse, von denen jedoch keines auf die Ausftellung gebracht wurde, wenn man nicht die fchon erwähnten taubenförmigen Gefäfse als Ciborien annehmen will. In der gothifchen Zeit erhielten die Ciborien eine fchlanke, thurmartige Form und im Aufbau Glie­derung und Verzierung nach dem Charakter diefes Stiles. Wir fanden vier derartige Gefäfse; weitere drei Ciborien haben eine Form, die von den conventio­