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Objecte der Kunst und Gewerbe früherer Zeiten : (Exposition des Amateurs ; Gruppe XXIV) ; Bericht / von Carl Lind
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Dr. Carl Lind.

haben ich die einzelnen Träger und Stützen des Aufbaues unter Aufgeben der kräftigen Gliederung und ihrer conftructiven Wichtigkeit zu äufserlichen, fpielenden Zierrathen bereits vollends verflüchtigt, und finken zu dünnen Stäben und Fäden herab, die mitunter in allerlei Windungen und Schnörkeln endigend, an den Seiten des Tabernakels angebracht werden und in ganz unnatürlicher Weife einen mächtigen, wenn auch luftigen Aufbau zu ftützen und zu tragen haben. Und doch mufs man zugeben, dafs hier in Form und Zierlichkeit der Ornamente Bedeutendes erreicht wurde, und der von dem Gewöhnlichen und Stilgerechten abweichende Aufbau des ganzen Gefäfses immerhin als fchön entwickelt bezeichnet werden kann. Der Fufs diefes filbernen drei Schuh hohen Gefäfses zeigt die Form einer fechsblättrigen, gegen die beiden Seiten verbreiterten Rofe und ift auf den Flächen durch eingravirte Darftellungen ver ziert. Der den Glascylinder, das Hoftienhäuschen, umfaffende und fich darüber hinausbauende Tabernakel ift fechsfeitig und bildet drei übereinander ftehende Capellen. An der Monftranze zu Seitenftetten zeigt fich, obwohl der thurmartige Aufbau mit der im gothifchen Stile üblichen Conftruction beibehalten ift, bereits der entfchiedene Einfluss der Renaiffance auf die Ornamente, insbefondere an den Einfaffungen der Fenfter, an den Verzierungen des Nodus und der Querunter lage des Tabernakels.

Wir kommen nun zur Gruppe der Reliquiare und Kreuze, welch' letztere meiftens auch zur Aufnahme von Reliquien eingerichtet waren. Wir nennen zuerſt das fogenannte Melker Kreuz, enthaltend eine vom Markgrafen Adalbert 1045 dem gleichnamigen Stifte gefchenkte Kreuzpartikel, die von Herzog Rudolf IV. 1363 nebft anderen hinzugefügten Reliquien mit einer koftbaren Faffung verfehen wurde; es war das einer der werthvollften Gegenftände der Ausstellung; ein zwei Fufs hohes Kreuz aus Goldblech mit kleeblattförmigen Enden, an deffen Vorderfeite in getriebener Arbeit der gekreuzigte Heiland, eine magere Geftalt, doch von guter Modellirung, in den Kleeblatt- Enden der Kreuzesarme die vier Evangeliften in der feltfamen Darftellungsweife, dafs die Figuren die Köpfe der fymbolifchen Thiere haben; fie halten Streifen in den Händen, auf denen ihře Namen ftehen. Die Rückfeite ift mit Perlen und ungefchliffenen Edelfteinen gefchmückt, von denen die gröfseren zugleich die Schrauben zum Oeffnen des Kreuzes bil den; einer derfelben zeigt einen wahrfcheinlich antik gefchnittenen Kinderkopf. Der Grund ift mit ganz frei gearbeitetem Laub werk( Weinlaub), mit vielen zarten fchwungvollen Ranken belegt, die inneren Bogen und die Evangeliften find theil­weife emaillirt. An jedem Balken- Ende der Rückfeite fieht man in einem Dreiecke oder Dreipaffe drei Kronen in gleicher Arbeit. Das Kreuz fteht auf einem Fuſse, der eine Zugabe des XV. Jahrhundertes ift, aus vergoldetem Silber in Rofenform, der Stiel ift fehr dünn und mit einem eckigen Knaufe verfehen. Aus dem Schatze des felben Stiftes fanden fich noch zwei Kreuze ausgeftellt. Das eine aus dem Ende des XV. Jahrhundertes ftammend, ein höchft zierliches Werk, deffen Kern aus Kryftall, aus verfchlungenem Aftwerk aufgebaut, deffen Ränder mit zarten Blätterranken, die Ausgänge der Arme mit aus Laubwerk hervorragenden Perlen gefchmückt find. Im Durchfchneidungspunkte der Kreuzesfchenkel ift und zwar vorne ein zartes Elfenbein- Relief( die Aufnahme Mariens darftellend), auf der Rück­feite ein Apoftelbild auf Goldgrund angebracht. Das dritte Kreuz, 18 Zoll hoch, ebenfalls dem XV. Jahrhunderte angehörig, war für diefe Ausstellung von erhöhter Bedeutung, da die lilienförmigen Arme aus Bergkryftalı angefertigt und Gegen­ftände aus diefem Materiale und aus jener Zeit ftammend, nur wenige auf der Aus­ftellung zu finden waren.

Das vom Stifte Strahov ausgeftellte Altarkreuz aus dem Ende des XIV. Jahrhundertes, war in der Gefammt compofition, im Steinbefatze und in der Technik dem fchon befprochenen Melker Prachtkreuze fo ähnlich, dafs es nur als eine Nachbildung des letzteren angefehen werden kann. Ferner ftellte das Domcapitel zu Tarnow ein goldenes Crucifix mit Maria und Johannes