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Objecte der Kunst und Gewerbe früherer Zeiten : (Exposition des Amateurs ; Gruppe XXIV) ; Bericht / von Carl Lind
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Dr. Carl Lind.

lehrreiches Beiſpiel vom Einfluffe des gothifchen Stiles auf die Goldfchmiede­Kunft. Diefer in feiner Art prachtvolle und vollſtändig erhaltene Krummftab ift ein Gefchenk des Abtes Rupert V. an die Abtei. Er ift ganz aus Silber verfertigt und hat eine Höhe von 6 Schuh 6 Zoll. Der Schaft ift hohl und befteht aus einer Holzröhre, welche mit Silberblech überzogen ift; er ift durch vergoldete Wulfte, zunächft denen er durch Abfchrauben zerlegt werden kann, in vier Theile getheilt, davon die drei unteren mit Blumen und Verfchlingungen in geftauchter Arbeit verziert find. Um den oberften diefer Theile fchlingt fich ein Spruchband. Befonders zierlich find Nodus und Krümmung, der erftere ift lang geftreckt, nicht fehr hervortretend, hat die Geftalt einer Capelle, und ruht auf einer fechsfeitigen Confole, welche mit kleinen Flächen geziert ift, auf denen ein Ecce homo und fünf Engelgeftalten mit Leidens- Werkzeugen eingravirt find. Der Nodus felbft befteht aus zwei Abtheilungen, doch ift nur der untere Theil entwickelt, während der obere gedrückt und auch minder geziert ift. Im unteren Theile find unter den mit Fialen und pflanzenartigen Verfchlingungen reich verzierten fechs Bögen je ein und zwar vorzüglich gearbeitetes Figürchen angebracht. Die Schnecke ift einmalig gewunden und nach vorwärts gebogen. Diefelbe ift am Aufsenrande mit Knorren befetzt, hat an den beiden Flach­feiten zierliche Filigranarbeiten, die in neuerer Zeit durch Schmuck von Perlen und Edelſteinen bereichert wurden. Inner der gefchloffenen Krümmung befindet fich unter einem gefchweiften Spitzbogen, deffen Kreuzblumen über den Rand der Schnecke hinausftehen, die Figur der heiligen Katharina mit Rad und Schwert auf einer Confole ftehend. Noch find zwei Figuren an diefem mit figuralem und ornamentalem Schmucke reich ausgeftatteten Kunftwerke zu erwähnen. Die eine kniet auf einer über den Nodus hervortretenden Confole und ftellt einen Priefter mit der faltenreichen Flocke angethan, ohne Zweifel den Abt Rupert V., vor, deffen Wappen am Nodus angebracht ift. Die andere fteht auf dem über diefer Figur angebrachten polygonen, flach angefchloffenen Baldachin. Sie iſt nackt, hält mit beiden Händen die Schnecke und ftöfst mit dem linken Fufse gegen die ihr zunächft angebrachte Knorre. Sie fcheint ohne einen weiteren tieferen Sinn blofs zur Unterftützung der Krümmung angebracht zu fein. Der Künftler diefes grofsartig ausgeführten Denkmales dürfte der ,, aurifaber pertoldus" von Salz­burg fein, welcher laut der Rechnungen des Abtes Rupert V. im Jahre 1487 mehrere Silberarbeiten für denfelben geliefert hat.

Der Obertheil des Pedums aus dem Stifte Raigern ift aus vergoldetem Kupfer, der Schaft aus Meffing angefertigt, letzterer, der den fpätgothifchen Cha rakter an fich trägt, unzweifelhaft ein jüngerer Erfatz für den urfprünglichen, wahrfcheinlich hölzernen Stiel. Der Nodus befteht eigentlich aus drei Theilen, deren oberer und unterer achtfeitig, der dritte Theil klein ringförmig und in einer Art Einkehlung zwifchen den beiden anderen Theilen angebracht ift. Aus dem Nodus entwickelt fich die fchön gebogene Krümmung mit einer Rückbiegung beginnend. Diefelbe ift an ihrem oberen Rande mit dünnen, wellenförmig ein­gekerbten, eine einfache Schlinge bildenden Krabben befetzt. Auf den, beiden flachen Aufsenfeiten der Krümmung findet fich je eine Infchrift auf dunkelrothem und dunkelblauem Emailgrunde mit gothifchen Minuskeln zwifchen goldenen, niellirten Laubverzierungen. Die Mitte der Krümmung zieren Doppelreliefs aus Elfenbein. Die eine Seite derfelben zeigt die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Arme, an den Seiten je ein Engel mit einem grünbemalten Stab, die andere Seite den gekreuzigten Erlöfer mit Maria und Johannes. Beide Flachfeiten find mit Steinen befetzt, welcher Befatz eine jüngere Zuthat zu dem aus dem Ende des XIV. Jahrhundertes ftammenden Stabe ift.

Von Producten der Goldfchmiede- Kunft profaner Beftimmung aus der Zeit der Gothik fand fich in der öfterreichifchen Abtheilung nur Ein hervorragendes Object, es ift diefs der grofse Pocal aus vergoldetem Silber, der ein Eigenthum der Stadtgemeinde Wiener Neustadt und unter dem Namen Corvinusbecher