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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

kamen. Eine lange Zeit über dominirte das Mittelalter: die deutfche Kaiferzeit jener Jahrhunderte, wo die Edelſteine der alten Reichskrone noch im romantifchen Glanze leuchteten alfo die Ottonen, die Hohenftaufen und für das tragiſch- fen­timentale Bedürfnifs die rührende Geftalt Conradins von Schwaben und die Kinder König Manfreds. Heinrich von Ruftige hat uns ganz in der abgeblafsten Manier jener deutfchen Kaifermalerei einen Otto I. geliefert. Es ift in diefer Rich­tung nicht mehr viel zu holen. Man hat das Mittelalter ganz fo akademifirt, wie früher einmal die antiken Stoffe. Heutzutage, wo das deutſche Reich ein ganz moderner Staatsbegriff geworden ift und das lebhaftefte Tagesintereffe fich feiner vorwärtsdrängenden politifchen Lebensthätigkeit zuwendet, find uns jene grofsen, auf Leinwand übertragenen Bilderbogen aus dem Mittelalter ziemlich gleichgiltig geworden. Jene ganze Malerei war ein Ergebnifs der Gefchichtsromantik und hatte etwas von dem Schattenhaften der Heiligenmalerei an fich.

Intereffanter find uns die Gefchichtsmaler, die fich nach perfönlicher Nei­gung, nicht blos einem allgemeinen Zuge folgend, ihre Helden felbft wählten. Freilich geriethen diefe auch wieder in eine hiftorifche Tendenz- und Stimmungs­malerei, die man fich aber, wie alles Perfönliche, immer lieber in der Kunft gefal len läfst. Mit einer echten Düffeldorfifch fubjectiven Theilnahme, allerdings mit einer über die ganze Schulrichtung weit hinaus gehenden Tiefe und Kraft ver weilte Carl Friedrich Leffing bei der Darftellung feines Lieblingshelden, des Märtyrers Johannes Hufs; dem Aachener Alfred Rethel war es fpäterhin ver­gönnt, die Gefchichte feines Helden, Carls des Grofsen, für den Rathhausfaal zu Aachen felbft zu malen und ihn dort in bedeutenden Compofitionen bis in fein geheimnifsvolles Grab hinabzuleiten.

Auch Carl Bendemann hatte fich viel früher fchon feinen Helden gewählt, den elegifcheften der biblifchen Propheten, aber im Moment einer hifto­rifchen Kataftrophe. Die fanfte Düffeldorfer Schwermuth konnte leicht auch in den Ton der Jeremiade übergehen; dennoch bleibt es ein grofses Verdienft des Meifters, dafs er das biblifche Thema nicht mehr im hergebrachten Sinne des Legendenbildes auffafste, fondern es mit einer gewiffen Entfchloffenheit auf den Boden der Gefchichtsmalerei hinüberführte. Bei feinem neuen Jeremias, den er ausftellte( eigentlich benennt fich das Bild ,, Wegführung der Juden in die baby. lonifche Gefangenfchaft") ift diefs noch in gefteigertem Mafse der Fall, obgleich das berühmte ältere Bild mehr Stimmungsgehalt hat. Der kräftig hervorgehobene Gegenfatz des ftolzen Siegers und der theils verzagten, theils in wilder Aufregung begriffenen Befiegten gibt der Darftellung die volle bedeutfame Spannung eines hiftorifchen Momentes; der Prophet felbft fitzt inmitten der brandenden Wogen der Volksleidenfchaften da wie erftarrt in einem grofsen, geiftig vertieften Schmerz, der über die blofe momentan heftige Empfindung des National­unglückes in den Maffen weit hinausgeht. Der Triumphzug des chaldäifchen Herr­fchers im Hintergrunde ift wirkungsvoll und bedeutfam angeordnet; wie überhaupt diefes Gemälde, wenn es auch unter der Nachwirkung eines älteren Kunftprinci pes gedacht und ausgeführt ift, zu den ganz wenigen, in höherem Sinne compo­nirten Bildern der deutfchen Ausstellung zählt.

Die Seele der

Die neue coloriftifche Richtung in Deutſchland hat kein eigentliches gefchichtliches Pathos und darum auch keine Lieblingshelden. Sie fchätzt die hiftorifchen Stoffe meift nur nach demjenigen ab, was fich ihnen in der Farbe abgewinnen läfst, und malt aus der Gefchichte Alles, was da gleifst und glänzt, durch Licht- und Farbeneffecte und naturaliftifche Wiedergabe des Stofflichen fich für den malerifchen Tagesgefchmack verwerthen läfst. deutschen Kunft werden wir im Augenblicke gerade bei diefer pompös heraus geftutzten Gattung am wenigften erfragen. An die Stelle der Compofition in grofsem und ernftem Sinne tritt bei unferen modernen Coloriften eine gewiffe raffinirte Kunft der Infcenirung, die der Bühne abgefehen und auf das Gemälde übertragen zu fein fcheint. Ein prächtiges Farbenfchauftück diefer Art, mit glück­