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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Malerei.

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romantifchen Schule, die uns da entgegentreten. Ein folcher ift zunächft Augufte Glaize, ein Schüler des Romantikers Eugène Devèria, den es fchon von früher her gelüftete, feine peffimiftifche Gefchichtsanfchauung im Bilde fymbolifch vorzutragen. Man kennt fein älteres Bild ,,, Le Pilori", von der Weltausftellung 1855, auf dem die Märtyrer der Humanität, des Fortfchrittes und des Wiffens in langer Reihe an Schandpfähle gekettet find. Wir finden da Sokrates, Chriftus, Columbus, dann auch Salomon de Caus mit Galilei, eine Auswahl von Duldern für eine grofse Idee, wie fie der Künftler nach feinem Gutdünken zufammenftellte. Am Fufse der Eftrade, von der fich die Pranger erheben, lagern fich die allegori­fchen Figuren des Elends und der Gewalt, der Dummheit und der Heuchelei. In dem ausgeftellten Bilde ,, Spectacle de la folie humaine"( Nr. 295) tritt uns nun eine Variante diefer Manier, das Zerrbild der Culturgefchichte zu fymbolifiren, abermals entgegen. Die Blutgräuel der Chriftenverfolgungen, der Inquifition, der Glaubenskriege etc., jene Momente der Gefchichte, wo der fanatifche, der beftialifche Zug in der Menfchheit durchbrach, find wie auf einer Freske oder einem Gobelin nach Abtheilungen zufammengeftellt und davor fteht der Maler felbft, mit bitter­farkaftifcher Miene fich gegen das Publicum verbeugend, als ob er dasfelbe auffor­derte, fich an diefem bildlich zufammengefafsten Compendium der Weltgefchichte zu fpiegeln. Eigentlich foll der bildende Künftler nach dem guten alten Wort hinter fein Werk zurücktreten und es allein für fich fprechen laffen; hier tritt er aber buchftäblich vor fein Bild und verläugnet in feiner eigenen phyfiognomifchen Selbftcharakteriſtik nicht einen Moment die verrannte Subjectivität, welche diefen culturhiftorifchen Fiebertraum hervorgerufen. Das Bild gehört in die Gattung der tollgewordenen Gedankenmalerei, und man kann diefs um fo mehr beklagen, da es fonft ganz entfchiedene malerifche Vorzüge, fowie eine merkwürdige Com­pofitionskraft in der Bewältigung des widerftrebendften Stoffes bekundet. P. Glaize der Sohn, der Schüler feines Vaters und Gérôme's, fteht nach dem ausgeftellten Bilde ,, Das erfte Duell"( Nr. 296) zu fchliefsen, zu der Richtung des Vaters in naher Beziehung. Was ftellt er da vor? Zwei nackte Athleten der Urzeit ringen in brünftiger Wuth an einem Abgrunde um den Befitz einer Dame, die noch vor der Epoche des Feigenblatts lebt; fie ift das Weib an fich, zugleich das Weib als Thier, das mit gefühllofer Neugierde zufieht, was für einen Ausgang wohl der Kampf um fie haben werde. Das wären in der That die richtigen prä­hiftorifchen Menfchen, wie fie zu dem Gefchichtsbilde des älteren Glaize paffen; der Sohn dichtet nur die peffimiftifche Genefis, die entsprechende Vorgefchichte hinzu. Die raffinirte Beſtialität, von den erften Menfchheitstagen an im Zuge, kann fich dann weiterhin um fo gloriofer offenbaren. Xavier Alph. Monchablon hingegen führt uns fcheinbar wieder mit feinem Bilde ,, Les terreurs de Caïn" ( Nr. 500) auf den Boden der biblifchen Genefis zurück. Aber in der That nur fcheinbar: diefer Kain fteht fo zwifchen Byron und Victor Hugo mitten inne, und hat von daher etwa feinen fcheuen, wilden Blick geborgt. Damit es auch an dem materiell wirkenden Schrecken nicht fehle, mufste Mazeppa auf dem Bilde von L. F. Guesnet( Nr. 308) wieder einmal noch auf das wilde Steppenpferd gebunden werden. Freilich fticht gegen den craffen Vorgang, wie Friedr. Pecht richtig bemerkt, die heitere glänzende Farbe auffallend ab, die dem Bilde in der coloriftifchen Wirkung faft ein fröhliches Ausfehen gibt. Um das Enfemble des Schreckhaften und Phantaftifchen zu vervollſtändigen, darf auch die Hexe nicht fehlen. Henri Axenfeld führt fie( Nr. 20) in einem düfteren Nachtftück inmitten des unheimlichften Treibens vor; fie beugt fich über ein ermordetes Kind, deffen blutige Glieder fie zu irgend einem unheimlichen Zauberwerk gebrauchen wird. Es ift nicht gut, bei folchen Darſtellungen länger zu verweilen, nicht blos weil fie an fich gräfslich find, fondern weil das Gräfsliche in denfelben mühfam gefucht und zufammengeklügelt ift.

Da die franzöfifche Malerei feit dem Beginne des zweiten Kaiferreiches fo ganz im Dienfte der Gefellſchaft fteht und ihren Stimmungen und Schaugelüften