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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Malerei.

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vorübereilten. Die feinen Unterfchiede in der Naturbeobachtung der einzelnen Künftler können in einer fummarifchen Befprechung nicht ihre Würdigung finden. Mit blofser Nennung ift da nicht viel gethan; dennoch fei, um nur der formalen Referatspflicht an diefer Stelle zu genügen, Dasjenige hier genannt, was fich zunächft als Vorzüglichftes auch der rafcheren Betrachtung darftellte. Zunächſt die herrlichen Stimmungslandfchaften von Charles François Daubigny, jenes Meifters, der bekanntlich einen Wendepunkt in der neueren franzöfifchen Land­fchaftskunft bezeichnet; die Schnee- Landfchaften von Fleury Chenu von bewun­derungswürdiger Wahrheit und ftimmungsvoller Haltung; ein Wald im Schnee, im Abenddämmerfchein mit aufgehendem Mond, der fich im Eife fpiegelt, von Emil Breton, von bedeutendfter Naturempfindung; eine treffliche Baum- Land­fchaft von Paul Huët; das Thal von Joury von Viollet le Duc, grofs compo­nirt und ftimmungsvoll gehalten. Die der Stillandfchaft fich nähernde Gattung, die in Frankreich trotz des vorherrfchenden Realismus noch immer vertreten ift, wurde durch die Namen Paul Flandrin, Jean Bapt. Corot getragen, während in der naturaliftifchen Behandlung der Landfchaft aufser Daubigny, dem Vater, noch deffen Sohn, dann Jules Hereau, Bernier, Ziem u. A. zunächſt fich hervorthaten.

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Zum Schluffe erwähne ich noch gewiffe eigenthümliche und bedeutende Leiftungen, die früher in einem anderen Zufammenhange nicht anzuführen waren. Einmal die Bilder von Desgoffe, die eine ganz eigene künftlerifche Specialität für fich bilden. Er fucht bekanntlich die Gegenstände feiner Darftel­lung unter den Kunftcuriofitäten der Renaiffance; koftbare Vafen, Kannen und Schalen von Bergkryftall, Achat, Onyx und Amethyft, emaillirte Schmuckfachen und Elfenbeinfigürchen find die Objecte feiner minutiöfen malerifchen Lieb­haberei, die er mit einer fabelhaften Genauigkeit wiedergibt. Freilich erreicht er damit nur die Wirkung eines äufserft virtuofen Kunftftückes; er gibt uns, wie J. Meyer fehr richtig fagt, nur ein Stück Muſeum in einem Stück Spiegel". Die Ausftellung enthielt( Nr. 199 bis 201) einige feiner Hauptleiftungen diefer Art. Ganz im Gegenfatze zu feinem glättenden, überfeinen, detaillirenden Pinfel gefällt fich Louis Ifabey in einer breiten, die Farben refolut und unvermittelt hinfetzenden Skizziftenmanier, hinter der aber ein rafches Talent der Erfindung ein bedeutender Sinn für figurenreiche Gruppirung und breite Wirkung der Farbe liegt. Der Eigenfinn, nicht über die Farbenfkizze hinauszugehen, ift freilich an fich fchon eine Manierirtheit. Gleichwohl gehörten feine effectvollen, mit Figuren reich ftaffirten Intérieurs, dann feine mit ficherer Farbenempfindung hin­gefchriebenen Compofitionen Die Hochzeit"," Das Frühftück im Walde", Die Taufe" zu den originellften Bildern der Expofition. So treffen wir in der franzö­fifchen Kunft allenthalben auf Contrafte, die aus dem Beftreben hervorgehen, durch feltfamen Gebrauch der Kunftmittel Aufmerkfamkeit zu erregen und dem Ziele des Effectes in einfeitig verfolgten Richtungen nachzugehen.

Belgien.

Die belgifche Ausftellung präfentirte fich fehr vortheilhaft. Sie ftellte eine namhafte Anzahl von Kunftwerken- Alles zufammen 298 Nummern und darunter fehr viel Tüchtiges, ja fogar in eminentem Sinne Hervorragendes, aus. Im Verhältniffe zu der geringen geographifchen Ausdehnung ift diefe glänzende Concentration von Kunftbeftrebungen auf engftem Raume bewunderungswürdig; der fcherzhafte Statiſtiker würde fagen, es käme in Belgien viel Kunft auf jede Quadratmeile. Aber auf die Ausdehnung kommt es ja in diefen Dingen gar nicht an. Wie viel Kunftleben hat fich in dem kleinräumigen Venedig von den Bellini's an bis auf die Spätzeit des Palma Giovane concentrirt! Vieles wirkt auch in Belgien zufammen, um die Kunft äufserlich zu fördern. Ihre Pflege gilt dort als eine Staatsfache, als eine nahezu öffentliche Angelegenheit. Die Kunfterziehung wird

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