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Dr. Jofef Bayer.
methodiſch betrieben und vereinigt die akademifche Disciplin mit den perfonlichen Einflüffen und Anregungen der Meiſterſchulen. Ohne dafs eben die belgifche Malerei eine monumentale Richtung nähme, können doch bedeutendere Werke des Ankaufs für Staatsgebäude oder Rathhäufer, fowie für ftädtiſche Muſeen gewärtig fein. Als Belgien felbftftändig wurde, fand man unter den Specialitäten, welche die Eigenthümlichkeit des Volkes und Landes conftituirten, auch eine lebendig nachwirkende nationale Kunfttradition vor und fühlte fich zu ihrer fortgefetzten Pflege wie zu einer Ehrenfache verpflichtet. Zu denjenigen Kundgebungen, in denen fich fpecififch belgifches Wefen ausfpricht, die geiftige Selbstständigkeit des rührigen Kleinftaates nach Aufsen hin fich zeigt, gehört eben auch die Kunft, oder vielmehr da in den Küftenländern von jeher das Auge mehr auf dem malerifchen Reize der Erfcheinung und ihrer Details, als auf den grofsen plaftifchen Formen ruhte- ganz befonders, ja faft ausfchliefslich
die Malerei.
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Freilich, Selbftftändigkeit in diefem Sinne ift nicht immer auch völlige Unabhängigkeit. Die Künftler des Landes find auf eine gute Zeit bei den Franzofen in die Schule gegangen, aber doch, um fchliefslich als richtige Belgier aus ihr hervorzugehen. Wenn fich auch jetzt ftarke Parifer Mode- Einflüffe in gewiffen Brüffeler Ateliers vorfinden, fo wird es doch nie gelingen, Belgien als eine franzöfifche Kunftprovinz zu annectiren. Das Volksnaturell, welches zwifchen hollän difchem Phlegma und auffprühender franzöfifcher Beweglichkeit eine eigene Mitte hält, fichert der heimifchen Malerei auch da, wo Fremdes vorübergehend auf fie wirkt, ihr eigenes Gepräge. Man ahmte zur Zeit die Coloriften Frankreichs nach, ohne aber geiftig mit ihnen desfelben Weges zu gehen und mit ihren malerifchen Ausdrucksmitteln dasfelbe fagen zu wollen, was diefe anftrebten. Techniſch eignete man fich die franzöfifche Farbe an, nicht aber auch das Pathos und die Leidenfchaft, die in ihr zuckte und glühte. Es ift charakteriſtiſch, dafs gerade zur Zeit diefes Einfluffes Delacroix, der Führer des grofsen coloriftifchen Umfchwunges in Frankreich, in belgifchen Ateliers faft als Barbar verfchrieen war. Die Tiefe der Stimmung und des Affectes, die in feiner Farbenwelt fich ausdrückte, trat dem vlämifchen Wefen fehr bald als ein Fremdes entgegen, fo äufserlich feffelnd fein Colorit auch erfcheinen mochte. Bald fchied fich denn Beides auf das Beftimmtefte: die vlámifch- belgifche Farbenfreudigkeit ohne tiefere innere Erregung, dann die auch im Hiftorifchen mehr fchildernde und erzählende Richtung und drüben bei den Franzofen die in Scene gefetzte Farbe, das pathetifch- dramatifche Element, das kühne und geiftvolle Experimentiren mit den Mitteln des coloriftifchen Ausdruckes.
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Es iſt eigenthümlich, wie bei den Belgiern die der Landesgefchichte zugewendete patriotifche Richtung der Malerei mit dem technifchen Fortfchritte im Colorit innig zufammenhängt. Als fie ihre bewegtefte Gefchichtsperiode, von Kaifer Maximilian und Maria von Burgund an bis auf den Compromifs, den Herzog von Alba und die Geufen hinab, auf ihren Leinwanden zu recapituliren anfingen, da waren diefe malerifchen Gefchichtsftudien zugleich auch ein Sieg der Farbe über die letzten Nachwirkungen des David'fchen Clafficismus, für den diefer während feines zehnjährigen Aufenthaltes in Brüffel einen Anhang geworben. Das war dazumal wirklich ein franzöfifcher Annectirungsverfuch in Kunftfachen, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Es währte nicht lange und die Führer der neuen Richtung fühlten fich, auf dem einheimifchen Gefchichtsboden neu erftarkt, patriotifch wie künftlerifch als echte Belgier. Ein beftimmtes Wollen n der Kunft, das fich befonders in der confequent feftgehaltenen Stoffwahl kund gibt, führt auch häufig zu einem ficheren technifchen Können: fo war es hier. Die hervorragenden Gefchichtsmaler find zugleich die bahnbrechenden Coloriften der belgifchen Malerei; es wurde ihnen fofort klar, dafs die Hauptepoche der vaterländifchen Gefchichte, die im XVI. Jahrhunderte spielte, fchon in dem Coftüme, der Scenerie und der ganzen äusseren Erfcheinung auf eine kräftige
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