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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

ernftere Empfindung hinein. So befonders in den durch Reproductionen lang bekannten Bildern von Faed, deren unmittelbare Bekanntfchaft aus der Welt­ausftellung fchon defshalb, weil fie einen Höhepunkt der englifchen coloriftifchen. Technik bezeichnen, fehr intereffant fein musste. Die drei Waifen auf dem Fried­hofe im Hochland" find wohl die bedeutendften unter den vielen Darftellungen, in denen der mitleidsvolle Cultus des Waifenkindes von Italien bis zum Norden in der Kunsthalle gepflegt wurde; bei dem berühmten Bilde Der Letzte feines Stammes" genügt die einfache Erwähnung, um die bedeutende Wirkung deffelben in Erinnerung zu bringen.

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Wenn man die wenigen Bilder, welche Figuren aus dem Volke dar­ftellten, durchmuftert, fo hat man den Eindruck, als ob fie alle die Probe des Ein­laffes in das Vorzimmer beftehen könnten: fie find fein, anftändig und manierlich, haben ihr fauberes Sonntagskleid an und Exceffe find von ihnen ebenfowenig zu befürchten, als man von ihnen eines freudigen, vollen Ausbruches des Volks­naturells gewärtig fein kann. Auch werden die Leute aus dem Volke nur einzeln in dem faſhionablen Salonbilde vorgelaffen, nicht in gröfserer Menge, wo es doch nicht fo ruhig herginge. Das Intérieur der Bauernstube und der Dorffchenke mit ihrer Gemüthlichkeit und ihrem ftellenweife nicht ganz correcten Behagen diefes Lieblingsthema des deutfchen Genrebildes ift der englifchen Kunft fremd, fowie auch das englifche Volksthum kein rechtes urfprüngliches Bauernleben mehr hat. Dagegen dürfte das vornehmere Gefellfchaftsbild dort eine weit grössere Bedeutung noch haben, als man es aus einigen, wirklich auserlefenen Proben der Ausftellung völlig entnehmen mag. An diefer Stelle ift die nüchterne Eleganz der Farbengebung die ziemlich behutfame Delicateffe des Pinfels faft fymbolifch für die refervirte anftändig kühle und gemeffene Haltung des gefellſchaftlichen Lebens in England. Die kräftige und entfchiedene Färbung der Franzofen, das leichtfertig elegante Modecolorit eines Stevens wäre als malerifches Ausdrucks mittel geradezu ein Attentat gegen die englifchen Geſellſchaftsideen. Jenes fchöne Bild von Fildes, das wir unter feinem fentimentalen Titel fchon früher erwähnten, eine Wafferpartie junger Herren und Ladies mit obligater Mufikbegleitung, ift fo ein Stück gefellfchaftlicher Poefie nach englifchem Gefchmacke.

In mehr realiſtiſchem Sinne geleitet uns Frith in die elegante Societät des Seebades von Ramsgate und fordert uns gleichfam auf, feine bezeichnenden und ergötzlichen Gruppen durch die Lorgnette zu betrachten. Er weifs uns dabei auch malerisch für die Luft- und Reflexwirkungen feines feinen und geiftreichen Bildes im höchften Grade zu intereffiren. In gefchloffenem Raume fpielt das Behagen englifcher Häuslichkeit in der milden Beleuchtung des Bildes, auch da, wo es eine Decoration aus früherer Zeit aufftellt, wie bei der trefflichen ,, Schach­partie" von Horsley. Sonft greift das Genre in wenig andere Gebiete hinüber. Das ethnographifche Studienbild( Elmore: Auf den Dächern der Häufer", John Lewis: Eine Strafse in Cairo", Hodgfon: Der Schlangenbändiger") macht die orientalifche Mode mit und importirt aus dem Often einigen warmen Sonnen fchein und kräftigere Localfarben in die englifche Malerei. Das Genre mit idealem Anfluge gräcifirt ein wenig, wie das trefflich componirte und gezeichnete Bild von Leighton, einem Schüler Steinle's in Frankfurt, das fich Kleobulus und Kleo­bule nennt; aber der antike Stoff ift mit falonfähigem Clafficismus ganz novel­liftifch behandelt. Findet die Mythe manchmal Einlafs, fo bedarf dagegen die englifche Hochkirche keinen legendarifchen Succurs. In der englifchen Salon­kunft und eine folche ift ja ausfchliefslich die Malerei des britiſchen Infel landes- wird der Herrgott aus dem Spiele gelaffen. Man hat dort fo viel officiofe Andacht, eine fo ftreng eingehaltene Sonntagsfeier, dafs man darüber die religiöfen Anklänge in der Kunft wohl entbehren kann.

Die englifche Landfchaftsmalerei müfste man an Ort und Stelle ein gehend ftudiren, um über fie ein ganz zutreffendes Urtheil abzugeben. Sowie fich überhaupt die landfchaftliche Natur im Bilde nach dem Menfchen richtet, das ift