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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
Entstehung
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Die Malerei.

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nach feinem Auge und feiner vorherrfchenden Gemüthsftimmung, fo ganz befon­ders hier. Die Natur in den englifchen Bildern erfcheint zuweilen mürrifch, in ein gewiffes Phlegma verfunken, zuweilen auch empfindfam angehaucht- nur feltener mächtig und grofsartig oder von reiner idyllifcher Heiterkeit, zu welcher auch fonft mehr Sonne gehörte. Innerhalb diefer Grenzen zeigt fich aber derfelbe individua­lifirende Naturfinn, wie in der Schilderung des menfchlichen Dafeins. Die gleiche liebevolle Wiedergabe des Wirklichen mit feinen Pinfelftrichen und zarten Abtö­nungen der Farbe.

Turner, der einen Höhepunkt in der ganzen neuen Landfchaftsproduction bezeichnet und von dem Bolckow ein Prachtbild hergeliehen hat, ragt freilich über jede den Durchfchnitt bezeichnende Charakteriſtik weit hinaus. Er fieht mit feinem künftlerifch geklärten Auge das Naturbild reiner und heller, als es die Ungunft des heimifchen Klimas gewährt. Seine grofse Landfchaft, ein Motiv von den Themfe Ufern mit reicher Staffage von Weidevieh, ift in der gehaltenen Ruhe wie in der Behandlung der Atmoſphäre ein voller Nachklang der breit und ferne aus­tönenden landfchaftlichen Stimmungsaccorde bei Claude Laurin. An Turner's Seite tritt Linnel mit feiner, Windmühle", die gleichfalls unter den älteren Schauftücken, deren es auf der Ausftellung mehrere gab, einen Hauptrang ein­nahm. Im Uebrigen fieht es in den anderen Landfchaftsbildern ziemlich verregnet aus; auch die Hochlandsmotive, die häufig herhalten müffen, präfentiren fich mehr mit grämlichem als mit grofsartigem Ernfte. Faft möchte man glauben, dafs die Natur da felbft am Spleen litte. Wirklich grandios, von einer eigenen elementaren Landfchaftspoefie, die ganz aus dem Feuchten heraus, aus fchäumenden Wildbach­wogen, fchweren Wolken und wafferziehenden Lichtftrahlen ihre originellen Wir­kungen zaubert, ift Graham's" Flufsanfchwellung in den fchottifchen Hoch­landen". Um nur noch das zunächft Beachtenswerthe in der Landfchaft hervor­zuheben, nenne ich an diefer Stelle Redgrave's Waldbilder und eine Abend­dämmerung von Vicat Cole, ohne damit den Werth fo mancher anderer Land­fchaftsbilder, befonders unter den Aquarellen, verkürzen zu wollen.

Ueberhaupt gehören die letzteren Leiftungen, auch fo im Figurenfach wie im Thierflück und Architekturbild, zu den bedeutendften künftlerifchen Eindrücken, die wir auf der Weltausftellung erhalten konnten. Es kam uns fo vor, als ob im Aquarell der englische Kunftgeift fowohl in der Erfindung wie in der Farbe aus feiner fonft fo behutfamen und refervirten Stellung heraustreten würde. Im Oelbild hat das englifche Colorit zuweilen etwas Glanz, meift aber eine an die Paftell­manier erinnernde, trockene Gedämpftheit, kaum in einem Falle wirkliche Wärme und Gluth. Woher follte fie auch kommen? Sie ift kein blos technifches Moment -fie fpringt aus dem Blut und Naturell auf die Palette über. Aber im Aquarell, diefem Seitentract der Kunft, wo es weniger officiös hergeht, wagen es felbft die Engländer, einiges Naturell zu haben und ihre Ideen in mehr refoluter, kräftig wirkender Farbe hinzufetzen. Auch in der Behandlung des Stoffes entwickeln fie eine leichte, kecke Eleganz, die fonft der umftändlichen englifchen Kunft ferner liegt, fie werden gelegentlich novelliftifch pikant trotz der Franzofen, bedeutfam charakterifirend in gefchichtlichen Scenen, wie der fchon genannte John Gilbert, voll Verſtändnis für die Farbenpoefie und die feineren malerifchen Wirkungen, wie die meiſten Landfchafter- und Architekturmaler unter den Aquarelliften.

Man geräth in Verlegenheit, einzelne Namen, wie des bereits hingefchie­denen W. Deane, dann E. Duncan, C. Haag, D. Roberts, F. Tayler, F. Walker, Cooper und andere zu nennen, wo man einer ganzen impofant entwickelten, mit vollfter technischer Sicherheit entwickelten Kunftrichtung gegenübersteht.