Dokument 
Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
Entstehung
Seite
89
Einzelbild herunterladen

ex

333333

Die Malerei.

89

von Reflexlichtern erhellten, charaktervollen Köpfen der Zuhörer wieder ein reiz­voll gehaltenes Helldunkelbild ift. Das Genre bild fchildert die behäbige holländifche Familienexiftenz, gelegentlich auch Wirthshausfcenen und etwas Bauernleben. C. Bisfchop, Bles, Herm. ten Kate haben fich da mit Bildern von erprobtem Werthe eingefunden. Etwas von der alten holländifchen Kunft­zeit fteckt der modernen Malerei der Niederländer noch im Geblüt: fo mahnt die , Werkstatt eines Waffenfchmiedes" von Liegeman gar fehr an die Intérieurs von Oftade. Das Fifcherleben, beiher auch die Häringsräucherei ftellt B. J. Blommers als echt holländifchen Localftoff dar; Lootfen und Matrofen, fo recht gebeizt von der fcharfen Seeluft, malt mit geiftreich charakterifirendem Pinfel Elchanon Verveer, fo in dem vorzüglichen Bild Die See- Invaliden" aus dem Muſeum im Haag. Die Landfchaft ift auf Haide, Wiefe und etwas Wald, auf Baum­gruppen, Bach und Mühle befchränkt und häufig mit Weidevieh ftaffirt; gelegent­lich kommt auch die Canal- Landfchaft hinzu. Alles von fehr tüchtiger und ficherer Technik, aber nicht von fonderlich individueller Naturauffaffung. Befonders trat da William Roelofs, der bekannte Schüler Hendrik Backhuijfen's, mit feinen meifterlichen Landfchaftsbildern hervor; dann J. G. Vogel, A. Mauve, Bilders, van Borfelen, Maaten, Destrée, van Everdingen und J.B. Tom, der Letztere ſpeciell mit Viehftaffagen und Thierftücken. Holländifche Stadtanfichten von eminentem Werthe( Zütphen, Noordwyk, Scheveningen) ftellte S.L. Verveeraus, ebenfo Bosboom und Spring er vorzügliche Architekturen; van Heemskerek beherrscht mit Meifterfchaft die Gattung der Marine.

blirt

-

Die Schweiz hat fich auf der Ausftellung in einem eigenen Saale eta­nicht fo ganz mit Recht, da ja die Kunft zu Lande felbft nicht im eigenen Haufe wohnt. Es gibt eine Anzahl namhafter, ja bedeutender Schweizer Künftler, kaum aber eine eidgenöffifche fchweizerifche Kunft, die fich gleich der franzö­fifchen und belgifchen aus dem Landesbegriffe heraus ableiten liefse.

Da fertigt doch die Schule den allein giltigen Heimathsfchein aus, und jener der Schweizer Maler lautet meiftens auf Düffeldorf, München, wohl auch auf Paris, fowie wieder die Teffiner Sculptur künftlerifch nach Mailand zuftändig ift. Wie das dreifprachige Land, redet auch dort die Kunft in ebensoviel Zungen und Schulrichtungen. Bei all diefer Verfchiedenheit gibt es aber doch etwas Hin­durchwirkendes in ihr, einen gewiffen Schweizer Grundcharakter, mit dem aber die Kunft mehr unbewufst ringt, als dafs fie ihn zum Ausdrucke brächte; es ift der trockene und derbe Pofitivismus der fchweizerifchen Sinnesart, der als ein eigentlich kunftwidriger Zug fogar den Künftlern felbft im Nacken fitzt und auch den höheren Intentionen ernüchternd fich beimifcht. Die Holländer find doch auch Realiften und diefs trotz den Schweizern; aber der grofse Unterfchied in der holländifchen Kunft ift der, dafs fie feit jeher nichts Anderes ausdrücken will, als diefe Anschauung und Gefinnung, und der volksthümliche Realismus bei ihr ganz und gar in den künftlerifchen Ausdruck übergegangen ift. Die Schweizer nehmen in der artiftifchen Production eine unbeftimmte Stellung ein zwifchen dem Induftrialfinn ihrer Lebenspraxis und dem Bischen aus Deutfchland herftammen den Idealismus, von dem man immerhin etwas für die Kunft auffparen zu müffen glaubt. Es ift fo ein Parnafs zwifchen Fabriksfchloten. Der Widerfpruch, der in die Darſtellung nicht rein aufgehende Lebensinhalt bringt da gelegentlich das Langweilige und Trockene herein.

Die äufseren Kunftverhältniffe, ihre Exiftenzbedingungen zunächft, ftellen fich in der Schweiz durchaus nicht günftig. Dr. Rob. Rüdy, der fie wohl kennt, fprach fich in einem trefflichen Feuilleton der Preffe"( vom 29. Juli 1873) Die Schweiz in der Kunfthalle" folgendermassen darüber aus: Was die fchweizerifche Eigenart und ihre Gefinnung in Kunstfachen betrifft,... fieht es da, zumal in dem überwiegend deutſchen Theile der Schweiz, fehr mifslich aus. Nicht nur, dafs ihr zwei bedeutende Factoren mehr oder weniger abgehen- ein in claffifchen