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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

Studien gebildetes Beamtenthum und die der Kunftliebhaberei fich zuwendenden Rentiers auch die übrigen Stände, die etwa von der Univerfität hervorgehen. find mit der grofsen Majorität des Bürgerthums in der Anficht einig, die fchönen Künfte feien brodlofes Zeug.... Man hat zwar durch die Affociation zu helfen gefucht und die Kunftvereine haben manches Erfpriefsliche gewirkt, aber das Gefammtrefultat der Ankäufe zeigt fich doch nicht als ausreichend. Dazu kommt noch Eines: Die kläglich verbauerte katholifche Kirche beftellt gar wenig, und für ihre geringen Bedürfniffe lieferten die beiden Defchwanden nach der Scha blone ihre charakterlofen Madonnen und Engelsköpfchen."

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Jala So ift denn der fchweizerifche Künftler, auch abgefehen von der fremden Herkunft feines Schulzufammenhanges, der noch in anderen Umftänden feinen Grund hat, meift nur ein Gaft in feiner Heimath. Er hat fich in fremden Schulen herangebildet und malt im Ausland und für das Ausland. Die vornehmen Namen, die man in der fchweizerifchen Abtheilung der Kunsthalle traf, find alte Bekannte von deutfchen Ausftellungen und von dem Parifer Salon und es fieht ein wenig darnach aus, als ob fie nur aus Patriotismus einige kleinere Bilder hereingeftiftet hätten, um das Heimathland fich würdig präfentiren zu laffen."

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Freilich gehört unter diefe kleineren Bilder" keineswegs das bewunde­rungswürdige Begräbnifs in einem Dorfe des Schwarzwaldes" von Benjamin Vautier; diefer Schweizer aus Laufanne, gegenwärtig ein Hauptrepräfentant des Kunftlebens in Düffeldorf, der lange fchon in der deutfchen Kunft- Landsmann­fchaft nationalifirt ift", hat da feiner Heimath auf der Ausftellung einen gar bedeutfamen Ehrenbefuch gemacht. Auch die zwei anderen Bilder Vautier's, Confultation beim Advocaten" und" Am Krankenbette", gehörten zu den erften Zierden des Saales. In gezien ender Entfernung folgte ihm Conrad Grob aus Andel fingen( jetzt in München), der, fo wie früher vom Schmiede- Ambos Hubert Salentin. aus der Schlofferwerkstätte zur Palette überging. Sein Maler, der auf der Studienreife im Dorfe ein Bauernmädchen abconterfeit, während fich die anderen weiblichen Familienglieder neugierig verwundert hinzudrängen. ift ein frifches und liebens­würdiges Bild. E. Stückelberg in Bafel nähert fich mit feinem ,, Narcifs", feiner ,, Echo" und der Wahrfagerin" den franzöfifchen Vorbildern bei feinem Talent, aber mancher Willkürlichkeit im Colorit. Ganz nach Frankreich gehört bekannt­lich Charles Gleyre von Laufanne, als einer der namhafteften, fchulbildenden Meifter der franzöfifchen Kunft. Es war eben eine landsmännifche Höflichkeit. wenn er fich diefsmal mit dem Bilde" La Charmeuse" bei den Schweizern einfand. 1e asdalisosiowdal bangaivinilo dob 155 Nous Die Gefchichtsmalerei und das hiftorifche Genre tritt bei den Schweizern nur fo nebenher auf und doch böte die eidgenöffifche Gefchichte felbft hiezu einen reichen, nicht leicht zu erfchöpfenden Stoffkreis dar. Auch käme dazu ein wefentlicher künftlerifcher Vortheil: das Hereinwirken das Hereinwirken der landwirth fchaftlichen Scenerie in die hiftorifche Action, das fich malerifch ebenfo im grofsen Sinne verwerthen liefse, wie diefs Schiller poetifch in feinem"," Wilhelm Tell" auf fo unvergleichliche Art gethan. Aber unter allen Richtungen der Kunft ift gerade die hiftorifche am wenigften praktiſch und marktfähig, und die Schweizer find eben praktifche Maler. Auch kommen fie in der Fremde nicht allzu häufig dazu, patriotifche Gefchichtsmalerei zu treiben, von der z. B. die Polen unter allen Umftänden nicht laffen. Nur was fich hievon für den genreartigen Gebrauch herrichten läfst, alfo die leichter behandelte Gefchichts­epifode, findet da aufmerkfamere Beachtung und Pflege. Auf der Ausftellung war das Schweizer Gefchichtsgenre nach der Seite der humoriftifchen Charak teriftik durch die Kappeler Milchfuppe" von Alb. Anker in höchft frifcher und anfprechender Weife vertreten, der hier einen Anekdotenftoff aus dem einheimifchen Reformationskriege mit glückl chem Griff benützte. Die Darftel­lung eines gefchichtlichen Momentes von fentimental- pathetifchem Gehalte wurde von A. Weckeffer aus Winterthur( derzeit in Rom) in der Segnung des

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